Kaputt

Irgendwie bin ich ein wenig kaputt.

Vorgestern kam das schlecht gelaunte Tier vorbei und brachte ein Gewitter mit. Hochseegewitter sind anders. Oft kommen sie aus dem Westen, haben schon ein paar hundert Kilometer über dem Meer hinter sich und sind dringend auf der Suche nach Krawall. Jegliche Andeutung von Bodenerhebung kommt da gerade recht.

Um 13 Uhr gab es einen Blitz und zwei gewaltige Donnerschläge auf dem Felsen. Am Telekom-Mast im Westen und der Abgasanlage in Nord-Ost war Elmsfeuer zu sehen und zehn Prozent der Helgoländer Telefone hörten auf, zu funktionieren.

Selbst Omas Bakelit-Phon auf Helgoland ist heute ein Endgerät in einem etwas arg aufgeputschten VoiceIP-Netzwerk. Ratet mal, wen die Leute fragen.

Irgendwie bin ich ein wenig kaputt.

Die Helgoländer Walkie-Talkies übrigens funktionieren einwandfrei.

PMR446/3.0 für den Flughafen, /7.5 für die Ornithologen und /5.23 für den Breakfast Club. Hört mal rein, wenn ihr in der Nähe seid ;-) .

Schlecht gelaunt

Heute morgen war das Wetter noch ganz happy. Ich hab aber keine Gästeführung, sondern nur den ganz besonders widerspenstigen Router eines Helgoländer Nachbarn als Patienten.

Nachdem ich dem an den hinteren Stossfänger getreten hab (dem Router, nicht dem Nachbarn ;-) , bin ich emotional ordentlich auf Krawall gebürstet, steige wieder aus dem Keller und…

Oha. Ein schlecht gelauntes Tier im Westen.

Eine Viertelstunde später sind alle Menschen im Freien nur noch auf der Flucht.

Ich stehe am Fenster und hab ein bisschen schlechtes Gewissen, wegen des Daches über meinem Kopf und des Bechers Kaffee in meiner Hand. Sorry ’bout that ;-) .

Party

Es ist Sommer geworden, Partyzeit. Allerdings unterliegt auch der Begriff “Party” einer gewissen friesischen Auslegung.

Die Butterfahrt war hier, sie kam, sah und siegte, wie üblich.

Ein paar Reminiszenzen stehen immer noch auf der Düne im Windschatten. “RockNRoll Bauzaun” ??? Echt jetzt ???

Fe war hier und musste wieder zurück, genau so wie die Ex-Nachbarn von früher. Ich musste ja unbedingt auf eine Insel ziehen.

Jetzt aber ist Pfingsten und Nordseewoche. Regatta und Prosecco am Südhafen. Putzig!

Abends, wenn die Fische und die Schiffe schlafen, sind die Zweibeiner noch aktiv. Von einer der Zahnarztyachten scheppert “TV-Glotzer” von Nina Hagen herüber. Die Welt ist voller Wunder ;-) .

Aber die Welt ist auch voller Dummheit, Grausamkeit und Schmerz.

Da hinten, ein wenig weiter hinter dem Horizont sind wieder Menschen ermordet werden. Im Namen Gottes, dabei mag sie diese Sorte von Ausreden ganz besonders wenig.

Mir wird klar, dass ich mich an diese Nachrichten gewöhnt habe und ich frage mich, was aus uns geworden ist. Aus mir geworden ist.

Komplimente

Im Sommer gibt es für die Gäste ein wenig mehr Kultur, denn wegen des Duty-Free-Klamauks allein würden wohl nicht mehr so viele Leute hierher kommen.

Neulich habe ich für eine Künstlerin aus Sankt Petersburg den local Roadie gemacht (Insulaner tendieren dazu, Multitalente zu sein ;-) und beim Abbau fragte sie mich, ob ich eigentlich Deutscher sei.

Hu?

Na ja, weil ich immer so helpful bin, aber auch so self-restrained, like a british person.

Ich hab zwar einen deutschen Personalausweis, aber trotzdem fühlte ich mich irgendwie geschmeichelt. Yippie!

Andererseits, das soll jetzt was Besonderes sein? Örks.

Menschen, Schiffe und Inseln

Es ist Urlaubssaison, Menschen kommen und gehen. Keine Ausrede, mit denen anders umzugehen als mit den wenigen, die sich im Winter hierher verirren.

Manchmal sind es zwanzig Leute auf einmal. Manchmal nur einer. Untergrenzen hat mein Brötchengeber zum zum Glück nicht, aber natürlich kommuniziert man mit einem Individuum auch anders als mit einem Kegelklub.

Vor zwei Jahren war ich mit einer alten Dame hier unterwegs, die schon länger auf dem Felsen Urlaub machte, als ich überhaupt am Leben bin. Aber es war ihr erster Besuch ohne ihren Ehemann, der ein paar Monate zuvor gestorben war. Da habe ich nach fünf Minuten das Programm in die Tasche gesteckt und einfach mal zugehört. War eine gute Idee.

Kleine Gruppen können auf eine andere Art schwierig sein. Manchmal steht man einem Menschen gegenüber, der einem eigentlich eine eigene Geschichte erzählen möchte (warum reisen Leute zu entlegenen Inseln, hä?).

Das kuckt dann aus den Augen und da kann die Grenze zwischen Professionalität und Herzlosigkeit hauchdünn werden.

Aber egal, am nächsten Tag reisen sie sowieso wieder ab. Ein kleiner Teil der Inselgeschichte geht vielleicht, hoffentlich, mit ihnen zurück.

Und ich bleibe hier, einfach weil sowieso und weil Fe am nächsten Wochenende hierher kommt.

Suppe

Auf dem Felsen gibt es kaum Eis und Schnee im Winter. Dafür regnet es, äh, konsequent vor sich hin. Bis ins Frühjahr hinein ist deshalb unglaublich viel Wasser in der Luft. Wo sollte es auch versickern und gebunden werden? Im Meer etwa?

Deswegen funktioniert die Wettermaschine bis in den Mai in etwa so:

Die Sonne schafft es zur Mittagszeit, die Feuchtigkeit für ein paar Stunden über den Kondensationspunkt zu erwärmen und dann gibt es blauen Himmel, tralala.

Kuschlig ist das dann, fast wie in der Sauna, aber über Nacht kühlt es ein paar Grad ab, das ganze Wasser fällt wieder runter und der neue Tag beginnt so:

(Also ich meine, ich gehe zur Arbeit und im Binnenhafen legt gerade der Frachter ab. Falls das irgendwie nicht erkennbar sein sollte. ;-)

Wartungstermin

Autos müssen alle paar zehntausend Kilometer zur Inspektion und mein Blutzucker alle drei Monate. Seezeichen auch, etwa einmal im Jahr, je nachdem, wo und wie sie den Kräften des Wetters und der Gezeiten ausgesetzt sind.

Die Kardinaltonnen östlich der Landungsbrücke haben es vergleichsweise gut. Trotzdem kommt heute die “Triton”, ein Arbeitsschiff der Küstenwache, um den Zustand der Tonne und der Ankerkette zu überprüfen.

Dazu muss das Ding aber erstmal aus dem Wasser gehievt werden.

Der Auftriebskörper wird mit einem Monsterdampfstrahler von Muschel- und Tangbewuchs gereinigt. Der führt nämlich unter anderem dazu, dass sich die Tonne im Seegang mehr bewegt und die Ankerkette schneller verschleisst.

Als ich noch ein kleines Mädchen war, lief im Kino mal ein Eastwood-Western mit dem Titel “Hängt ihn höher” (durfte ich damls natürlich nicht kucken ;-) .

An Bord wird die Tonne dann nochmal genauer auf Lecks und andere Beschädigungen untersucht. Zur Sicherheit ist auch eine Reservetonne mit an Bord.

Und danach geht es dann wieder zurück ins Wasser.

Das klingt wahrscheinlich alles nicht sooo aufregend. Es ist wahrscheinlich so spannend wie eine Großbaustelle auf dem Festland, an der gerade ein besonders sperriges Bauteil mit dem Autokran verladen wird. Da stehen dann ja auch immer ein paar Schulkinder, Pensionäre und Mittagspausen-Sachverständige herum und knipsen vor sich hin.

Es ist Kitsch, aber

…es ist auch Alltag.

Das auch.

Das allerdings auch.

Inzwischen?

Ende April trugen die anreisenen Gäste plötzlich alle wieder schwarze Fetzenlederjacken, denn die “RockNRoll-Butterfahrt” war hier. Jede Menge Iro’s an der Landungsbrücke, sehr kuschelig irgendwie und eigentlich macht eine Frührentner-Delegation aus D******d potenziell mehr Dreck und Stress.

Manchmal (nicht jeden Tag) zähle ich kurz nach, wie lange es noch bis Christi Himmelfahrt ist. Da gibts in Hessen Schulferien.

Emotionale Bindungen zu Menschen auf dem Festland sind hier schwierig.

Komische Notizen

In den letzten Tagen hatte ich neben den Gästeführungen auch noch einige verzwickte IT-Probleme zu lösen. Örks.

Früüüher ™ war ich angeblich mal ein ganz doller Experte für dieses Zeugs. Vor ungefähr 11 Jahren habe ich aber beschlossen, doch noch etwas Anständiges zu lernen. Vielleicht sollte ich dann auch etwas Anderes in meinen Lebenslauf reinschreiben, um diese 25 Jahre zuvor zu erklären. Auf der Reeperbahn Klavier gespielt oder so.

Irgendwie ist mein Gedächtnis für die ganzen fitzeligen Details, die man bei solchen Aufgaben im Hinterkopf behalten muss, nicht mehr so gut wie früher. Deswegen blättere ich später in meinem Notizbuch und finde teils sonnenklare, teils äußerst kryptische Einträge Seite an Seite.

Die Entscheidung, welche Seite jetzt zu welcher Kategorie gehört, überlasse ich ganz euch ;-) .

Hier und weg

Sie sind wieder hier. Die Seevögel am Lummenfelsen…

…und bei den Basstölpeln wird geschnäbelt und geposed, was das Zeug hält.

Irgendwie muss ich an mich selbst denken, irgendwann in den Achtzigern in der Disco.

Ein unglaublicher Krawall und zum Glück weht ein frischer Wind, sodass die Duftnote aus Fischstäbchen und Vogelmist, äh, atmosphärisch bleibt.

Zwei Dreizehenmöven sehen sich das Treiben aus einiger Distanz an und kucken ein bisschen wie Tante Else und Onkel Gerd auf Tagestour.

À propos: Die Sommertouris sind auch wieder hier. Die machen andere Geräusche, eher so brabbel-brabbel, roll-roll, wenn sie in Scharen unter meinem Fenster die Hafenstraße entlang pilgern.

Aber im Ernst, der Winter war lang und still und häufig auch düster genug, sodass es eine willkommene Abwechslung ist, wenn mal wieder Leben in die Bude kommt.

Und im Oktober werden wir wieder kurz durchatmen, wenn der Zauber vorbei ist ;-) . Das ist halt auch ein Teil des Helgoländer Jahreszyklus.

Tscha, alle sind sie wieder hier.

Nur Fe ist wieder weg, zurück aufs Festland bis Ende Mai. Also eigentlich kein Grund, mich zum Gedudel alter Fanta 4-Klopper selbst zu bemitleiden.

Aber davor war’s wirklich schöner, allein zu sein.