Licht an

Der Winter war lang. Laaang. Und trübe. Trüüübe. Auf dem Weg zur Bücherei mache ich ein Foto von meinem Schatten, einfach, weil ich mich nicht erinnern kann, wann ich zum letzten Mal einen Schatten geworfen habe. Muss irgendwann im November gewesen sein.

Aber seit zwei Tagen gibt es wieder dieses komische helle Ding am Himmel und zum Glück gehts dem Sommer entgegen ;-) .

Gerade rechtzeitig wohl auch für das Filmteam, das vor ein paar Tagen hier aufschlug, um einen Helgoland-Krimi zu drehen. Die haben allerdings vorsichtshalber ihr eigenes Licht mitgebracht. Sogar so viel, dass man es von meinem Fenster aus sehen kann.

Auf meinem Abendspaziergang bin ich dann doch neugierig, aber aus der Nähe sieht es natürlich so prosaisch aus wie alle anderen location shoots sonst auch.

Eine Menge Kabel, Scheinwerfer und Klimbim, Roadies und AssistentInnen, die gerade auf die harte Tour herausfinden, dass W*ll*nst**n-Jacken auf Helgoland nicht warmhalten.

Ich hab mal den Roman gelesen, der dem Drehbuch zugrunde liegt. Mit Helgoland hat er nicht wirklich was zu tun. Aber ich habe mir von gut informierten Fachfrauen sagen lassen, dass das beim Münster-Tatort auch nicht anders ist. So what.

Drei

Das dritte Silvester auf dem Felsen. Vor zwei Jahren wurde ich von Gästen auf dem Heimweg in deren Party hereingezerrt und zerschellte an einem Killer-Caipirinha. Spontaner Sprachverlust in 15 Minuten. Hm.

Vor einem Jahr stand ich ganz unzeremoniell oben an der Steilklippe, prostete der Nordsee mit einem Handbier zu und ging wieder nach Hause. Da hätte ich noch superkomplizierte Fremdwörter aussprechen können. Es war aber keiner da, der sie hätte hören wollen. Tja.

Heute haben wir lecker Falafel gemacht und uns dann – leicht überfuttert – mal kurz hingelegt. Die Macht des Falafel war größer als die des Weckers. Also warf uns das Feuerwerk um 00:01 Uhr aus dem Bett. So geht’s natürlich auch ;-) .

Zum Glück wohne ich ja mit Seeblick.

Das Haus, das schläft

Dieses Jahr bin ich zu Weihnachten nicht auf dem Felsen, sondern ziemlich weit weg auf dem Festland. Das ist eine lange Geschichte, die für die meisten Leute nicht von Interesse ist. Und die anderen wissen sowieso schon Bescheid.

Es ist ein wenig anders, als mit einem Handbier an der Steilklippe zu stehen und in Richtung Südhafen zu schauen. Im Sommer war ich schon einmal hier und nannte es das Haus, das schläft. Doch nun sind seine Bewohner für ein paar Tage zurückgekehrt, ich stehe im Garten und fühle mich gleichzeitig fremd und zuhause.

Haltet die Ohren steif, Leute und macht es gut.

Ansage

Über Zugfahrten und was da unterwegs passiert, blogt man nicht. Das ist Twitterei unterster Schublade. Zwar habe ich seit 2009 einen Twitter-Account, habe ihn aber noch nicht benutzt. 

Ist aber auch egal, denn ich fahre gerade mit der Bimmelbahn durch Ostfriesland und der Schaffner sagt gerade den nächsten Halt durch. Der Norddeutsche gilt ja stereotyp als eher humorfreies Wesen, aber:

“Yo yo yo, wir halten mal kurz in Hechthausen. Wer aussteigen muss – tschüs und schönen Tag noch. Ansonsten gute Weiterfahrt!”

Der nächste Bahnhof ist Hammah, und tatsächlich, unvermeidlich:

“Nächster Halt Hammah. Ischa der Hammer, oder?”

Dann kommt Stade.

“In Kürze erreichen wir die wunderschöne Hansestadt Stade. Da sollte man eigentlich auf jeden Fall aussteigen. Wer trotzdem weiterfahren will – selber schuld, lohnt sich nicht.”

Trotzdem geht es dann weiter in Richtung Hamburg.

Liebe ZugbegleiterInnen: Was immer es heute zum Frühstück gab – esst mehr davon ;-).

Reality Check

Gestern bin ich vom Felsen in Richtung Festland aufgebrochen. Keine besonderen Vorkommnisse auf der Überfahrt. Deck 4 (wo man rauchen darf) ist wetterbedingt ziemlich leer.

Über Bord ist auch keiner gegangen. Yay!

Heute morgen im Hostel: Reality Check, Fernsehen. Gibt es natürlich auch auf dem Felsen, bei mir zuhause aber nicht. Kuckt sich das überhaupt noch jemand an?

Und dann mache ich mich auf den Weg zum Bahnhof.

Festland, bleiche Mutter.

Realitätsblase

So nennt man das heutzutage, wenn Menschen unsere superduper Kommunikationsmöglichkeiten so zurechtschustern, dass sie nur noch Informationen liefern, die einen in der eigenen Meinung und vermeintlichen Rechthaberei bestätigen.

Muss ich nicht machen. Ich lebe in einer anderen Realitätsblase. Sie ist 1.800 mal 600 Meter groß und Alles, was man hier tut oder lässt, geschieht in der ersten Person. Wenn du versuchst, dich hinter einer Partei, einer Religion oder  sonst einem flotten Spruch zu verstecken, kaufen die Insulaner dir diesen Mist einfach nicht ab.

Heute fahre ich aufs Festland, mit mulmigen Gefühlen. Ich habe schließlich auch die Nachrichten aus Berlin gelesen. Aber ich will ein paar Leute dort wiedersehen.

Trotzdem gehen mir die Worte eines der großen Miesepeter unserer Zeit nicht aus dem Kopf:

“Wenn das letzte Lebewesen

unseretwegen gestorben ist,

wie poetisch wäre es,

wenn die Erde sagen könnte,

mit einer Stimme, die

vielleicht

vom Grunde

des Grand Canyon heraufkäme:

‘Es ist vollbracht.’

Den Menschen hat es hier nicht gefallen.”

Kurt Vonnegut, “Requiem”