Proppleme

Ein tolles Wort. Tucholsky verwendet das immer, wenn ein Problem eigentlich keines ist. Oder sein müsste. Oder vielleicht sogar wirklich ist, obwohl man trotzdem drauf pfeifen sollte.

Also, Proppleme auf Helgoland im Winter:

Manchmal schalten sich die Straßenlaternen schon nachmittags ein.

Manchmal wünscht man sich eine Sonnenbrille (obwohl man weiß, dass man damit bescheuert aussieht).

Manchmal ist einfach nix. Gar nix. Wer unbedingt wissen will, welcher Wochentag es ist, darf gerne in den Kalender sehen.

Manchmal piept das schlaue Telefon und sagt einem, dass man lieber zu Hause bleiben soll.

Manchmal wirft einen der Treibstofftanker mit seiner Sirene aus dem Bett.

Manchmal muss man morgens seine Kamera holen, um den Blick aus dem Klofenster zu fotografieren.

Proppleme, wie gesagt.

Probleme gibt es auch, aber die sind alle auf dem Festland:

Übermorgen fahre ich wieder nach Cuxhaven zum Arzt. Andererseits würden mich eventuell fünfzig Prozent der Weltbevölkerung um den Luxus beneiden, mir deswegen Sorgen machen zu können. Ist also wohl doch nur ein Propplem.

Dann sind da aber noch sehr liebenswerte Menschen auf dem Festland, die demnächst umziehen wollen, dabei aber das Gemöbels mitschleppen dürfen, das ich beim Umzug auf den Felsen in ihrem Keller geparkt habe. Ich glaubte damals nicht, dass das so eine lange Geschichte wird.

Und noch ein paar mehr, die gerade Sorgen fundamentaler Natur bewältigen müssen und gelegentlich mal eine Schulter mit Mensch dran zum Anlehnen brauchen könnten.

Auf dem Festland ist das dann die Zeit der hektisch organisierten Zwischendurch-Urlaubstage und haarsträubender nächtlicher Auto- oder Zugfahrten, die länger dauern als die Zeit am Ziel, aber egal. Hier kann ich mir das gleich wieder aus dem Kopf schlagen.

Manchmal fragen mich Gäste, warum die Insulaner – aus ihrer Sicht – so schwer zugänglich sind. Das sehe ich natürlich anders, aber ich lebe ja hier. Vielleicht ist es so, dass man hier einfach nicht sein Herz an Leute vom Festland verschenkt.

Denn das könnte ein Problem werden. Ohne pp.

Singt mir die Namen skandinavischer Seeleute

Heute morgen fahre ich vom Arzttermin zurück zum Felsen. Der Wind hat ein wenig aufgefrischt und im Hotel hab ich noch schnell auf der Webseite des BSH zum Seegang nachgesschaut. Oh-oh, zweieinhalb bis drei Meter Wellenhöhe und das auf der guten alten Funny Girl.

An Bord ist gute Stimmung, die ersten Piccolos werden geköpft, bevor wir überhaupt den Hafen verlassen haben. Als wir Neuwerk passieren, beginnt das alte Mädchen, deutlich zu stampfen und die ersten Berg- und Talfahrten werden noch mit Juhu und Jaha bejubelt.

Gelegentlich muss der Käptn aber auch beidrehen, weil wir sonst in Schottland ankommen würden anstatt auf Helgoland. Dann beginnt das Schiff zusätzlich zu rollen, es wird nach und nach immer stiller an Bord und bald singt der eine oder andere Passagier die Namen skandinavischer Seeleute (Sööören! ;-).

Aber die Crew kennt das natürlich schon, scheucht alle Amateur-Seebären auf ihre Sitzplätze zurück und jeder, der nicht ein Bier in der Hand oder wenigstens ein albernes Grinsen im Gesicht hat, wird großzügig mit Küchenrollen und Spucktüten beschenkt.

Ist angeboren, sagt einer der Stewards, der früher mal mit Frachtschiffen in Atlantik und Pazifik unterwegs war. Der eine kriegts, der andere nicht. Muss man sich nix drauf einbilden.

Herr Doktor

Ich muss zum Arzt. Klar, kann passieren und es gibt einige Ärzte auf dem Felsen. Manchmal müssen die aber mit ihren Kenntnissen passen. Dann geht’s zum Facharzt und der ist in Caxhuven Cuxhaven.

Und ich muss im Winter zum Arzt. Mittwochs fährt da kein Schiff, also stehe ich Donnerstags um Sieben am Südhafen, um mit der Funny Girl zum Festland zu reisen. Die Helgoland ist zum Saisonende im Wartungsdock, bevor die Grünkohl-Touristen kommen.

Keine Touristen an Bord, nur ein paar komatöse Offshore-Leute und Handwerker (plus drei Helgoländer, die alle zum Arzt müssen ;-). Wer auf dem Festland schon mal aus Termingründen um vier Uhr morgens in einen Fernzug gestiegen ist weiss, was ich meine.

Die Funny Girl ist eine Veteranin in der deutschen Bucht. Kein pastellfarbener Wohlfühl-Schnickschnack wie auf der Helgoland.

Um Zehn sind wir in Cuxhaven. Die Arztpraxis in Cux sieht ein wenig so aus, als hätten schon Generationen von Seeleuten ihre Berufskrankheiten dort kurieren lassen. Egal, ich bin nicht hier, um mir schicke Möbel anzukucken.

Funktioniert aber wie geölt und nach einer Stunde bin ich etwa zehn Prozent schlauer und stehe  – etwas wackelig auf den Beinen – wieder auf der Straße (wenn Ärzte sagen “Bitte nüchtern”, meinen sie nicht nur “Ohne Frühstücksbier”, sondern auch “Ohne Frühstück, nee, Kaffee auch nicht”).

Noch 22,5 Stunden, bis mein Schiff wieder zurückfährt. Super.

Ach Cuxhaven, Perle des Norddeichs. Eigentlich bist du ja ganz ok und wenn du eine Reeperbahn hättest, würde ich da genau so verpeilt herumstehen wie am Fischereihafen.

Du bist ein bisschen wie Bottrop. Nur mehr Fisch. Ab man’s glaubt oder nicht, ich mag Bottrop. War da mal super Kaffee trinken.

Manche Sachen sind trotzdem komisch. Cuxhaven leidet – wie fast alle Städte auf dem Festland – nach Sonnenuntergang unter Natriumdampflichtgelbsucht. Mein Kamerasensor sieht das schon richtig.

Die vielen Autos, die um einen herumfahren, riechen nur ganz schwach nach Igitt. Muss der Fortschritt sein.

Aber diese Blechhalden? In den Augen eines Festländers mag das aussehen wie ein Supermarktparkplatz, in meinen Augen sieht es aus wie eine illegale Sondermülldeponie. Wer hat das denn erlaubt?

Nach ein paar Tagen würde ich mich natürlich auch wieder daran gewöhnen.

Vielleicht will ich deshalb nicht von diesem Felsen weg.

Krawall am Himmel

Tja, das war’s. Der Katamaran, der die Expressroute von Hamburg fährt, hat sich mit dem üblichen großen Getute bei der letzten Abfahrt in die Winterpause verabschiedet.

Jetzt fährt nur noch die Helgoland an fünf Tagen pro Woche nach Cuxhaven, zweimal bleibt sie als schwimmendes Restaurant für die Wintergäste über Nacht im Südhafen.

Es wird still, sehr still auf dem Felsen und man kann fast das leise Knarren hören, mit dem die Bürgersteige hochgeklappt werden ;-).

Die Bungalows auf der Düne werden für den Winter eingemottet und ich freue mich nachträglich um so mehr, dass ich in der vergangenen Woche noch ein paar Tage mit liebem Besuch vom Festland dort verbracht habe.

Überhaupt gibt es die eine oder andere Umarmung auf der Straße zur Zeit, man sagt “Bis im April” und “Lass dich nicht unterkriegen auf dem fiesen Festland”.

Und dann steht man da am Südhafen, wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel, aber das liegt eher am Wind als an irgendwelcher Sentimentalilät. Es ist mehr wie dieser Augenblick nach der großen Hausparty, wenn alle Gäste fort, alle Teller gespült und die Aschenbecher geleert sind und man denkt: So.

Und auf dem Weg nach Hause der Blick zum Krawall am Himmel.

Tagein, tagaus

Mein dritter Sommer auf dem Felsen geht zu Ende, der Planet dreht sich, es wird hell, es wird dunkel. 

Der Sommer ist vorbei, die ersten Wolkenfestungen türmen sich am Himmel auf und selbst der blaue Himmel ist anders als vor ein paar Wochen.

Die ersten Boote werden an Land geholt und die Frachter kommen nur noch einmal im Monat anstatt einmal pro Woche.

​​

Auch am Lummenfelsen ist es ruhig geworden, aber dafür sind Scharen von Zugvögeln zu Gast. Und die Menschen, die hierher kommen, um sie zu beobachten. 

An der Westklippe stehen zwei Menschen, schauen übers Meer und schmieden Pläne für die Zukunft. 

Und fürs Abendessen ;-) .

Verlustmeldung

Spät abends auf das blinkende Mobiltelefon geschaut. Nachricht gelesen. Nicht verstanden. Nicht verstehen gewollt. Es ist wie der Augenblick, in dem ich mich in den Finger schneide, auf die Verletzung schaue und ungläubig darauf warte, dass der Schmerz kommt.

Ihr Bruder hatte mir vor einigen Wochen erzählt, dass sie schwer erkrankt ist. Trotzdem geht es nicht in meinen Kopf hinein.

Es ist über dreißig Jahre her, dass wir ein Paar waren. Von ihr habe ich gelernt, was ich in diesem Leben wirklich erreichen will.

Ich kann nicht mehr schlafen und gehe in den Südhafen, fotografiere den Sonnenaufgang. Sollte ich nicht warten bis zum Sonnenuntergang?

Nein.

September. Noch.

Was inzwischen geschah: Es war August. Es wurde September.

Der Herbst feuerte dem Sommer ein, zwei Warnschüsse vor den Bug.

Dann kam die Sonne wieder zurück, der Himmel ist wieder postkartenblau, die weissen Schiffe liegen auf der Reede und der Felsen blüht und grünt aus allen Knopflöchern.

Gut gelaunte Gäste, dem Treiben auf dem Festland entronnen. Manche sagen, dass sie mich ein wenig beneiden (aber doch den Sprung an so einen seltsamen Wohnort scheuen).

Aber da ist auch eine leise Stimme, die immer wieder flüstert: Noch.

Noch scheint die Sonne, noch kämpft sich die tapfere Dünenfähre alle 30 Minuten durch die Passage zur Landungsbrücke.

Aber die ersten KollegInnen in den Hotels und Restaurants zählen mir schon die Tage ab, bis sie für die Wintersaison in die Urlaubsorte in den Skigebieten umziehen.

Ich bleibe hier und zähle auch die Tage, sage ebenfalls: Noch.

Noch vier Wochen, bis Fe wieder hierher kommt. Eigentlich hatte ich ja den Plan, allein zu bleiben, auf diesem Felsen, wo das Risiko ungeplanter emotionaler Verwicklungen so gering ist wie nur möglich.

Ich glaube, ich brauche einen neuen Plan.

Anreisen, Abreisen (2)

Die Insulaner sind an An- und Abreisen gewohnt, ganz besonders im Sommer. 

Manche Menschen kommen mittags hier an, laufen einmal um die Insel herum zur Langen Anna, dann auf dem Rückweg durch die Duty-Free-Shops zurück zum Hafen. Und um 16 Uhr sind sie dann alle wieder weg.

Andere bleiben drei, vier Tage, fahren auch mal zur Düne rüber, die Robben und Seehunde besuchen. 

Dann glauben sie, alles Wichtige gesehen und erlebt zu haben. 1.800 mal 600 Meter Felsen, einmal auf dem längsten Weg außen herum laufen bedeutet fünf Kilometer, was soll da übrig sein? Hmmm…

Manche Gäste bleiben noch etwas länger. 

Und dann geht es doch wieder zurück, zum letzten Boot, das die Passagiere zu den Fährschiffen über setzt.”Macht mal hinne”, grummelt einer der Börteschiffer, “knutschen könnt ihr gleich immer noch.”

Nee, Kollege. Das ist ja das Problem. Ich bleibe hier. 

Dann hebt das letzte Schiff den Anker, eine halbe Stunde später ist die Reede wieder leer und es gibt einen Ort auf dem Felsen, an dem gestern noch jemand war. 

Und diesen Ort trage ich mit mir herum. Musik, bitte.

Back to the garden

Da war ich.

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Und dann fuhr ich wieder zurück.

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Ok, ok, ok.

Das Herzberg-Festival ist, anders als die Fusion, mehr so eine Althippie-Veranstaltung.

Hier fragen am Bierstand die Leute neben dir andauernd: “Warst du nicht vor mir dran?” Noch am dritten Tag kann man die Dixiklos ohne Schutzanzug benutzen. Wenn das nicht von wahrer Liebe zeugt ;-) !

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Es gab viele, ungewohnt offene, freie Unterhaltungen mit bis dahin völlig Fremden und, sorry, lieber Felsen, aber deine Bewohner sind da doch viel zurückhaltender. Ich hab sogar eine etwas komplizierte Theorie, inwiefern das mit der Insellage zu tun hat, aber ich verrate sie nicht ;-) .

Ach so, Musik gab es auch. Tolle. Yippie!

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Tja, und nun bin ich wieder zurück. Es gibt eine Menge zu tun, die Saison läuft auf Hochtouren, meine Gäste sind trotz holpriger See und Wetterlage gut drauf. Läuft.

Aber es fehlt auch was. Das Gefühl hatte ich hier noch nie.