Das Haus, das schläft (2)

Nach der Schlammschlacht mit den Fools on the Hill bin ich wieder zurück im Haus, das schläft. Doch jetzt ist nicht Winter und ich schaue zum Fenster hinaus anstatt hinein.

Auch der Garten sieht ein wenig anders aus als vor sieben Monaten.

Auf dem Felsen könnte es einen Garten wie diesen gar nicht geben. Und ein Haus wie dieses schon gar nicht. Eigentlich ein ganz normales Einfamilienhaus auf dem Festland, aber einer ist gestorben und zwei sind erwachsen geworden und ausgezogen.

Vor ein paar Tagen stand ich hier im Wohnzimmer und dachte unwillkürlich: Auf dem Felsen wäre schon längst ein Trupp fleißiger Bauarbeiter aus Osteuropa durch die Hütte gepoltert und hätte so lange Rigips in die Gegend zementiert, bis hier zehn bis fünfzehn Leute wohnen würden.

Nein, das ist keine ironische Übertreibung. Sobald wir das Haus verlassen, schauen wir immer bis zum Horizont, aber daheim spätestens nach vier Metern auf eine Wand.

Finde den Fehler.

Abwesenheitsmeldung

Besorgte Blogleser haben sich erkundigt, warum es schon seit Wochen kein neues Posting mehr gab.

Antwort 1: Zu viel Leben.

Antwort 2: Zu wenig Internet-Konsum.

Antwort 3: Der Leuchtturmerklärer wandelt gerade auf dem Festland. Naja, Festland, es ist eher Festivalmatsch auf dem Herzberg-Festival.

Der bärtige Jan sagt aber, der Regen habe echt nachgelassen und der Matsch sei auch viel wärmer als gestern ;-) .

Summertime

…and the living is easy.

Jedenfalls hat es schon seit drei Wochen nicht mehr geregnet. Es wird kaum noch dunkel, um Mitternacht wandert das blaue Leuchten gemächlich von Westen nach Osten und vier Stunden später geht die Sonne wieder auf.

Natürlich gibt es immer noch einen Alltag mit Aufgaben und Verpfichtungen, aber selbst der Weg von einem Termin zum anderen fühlt sich wie Urlaub an.

Bei den Offshore-Leuten ist Crew-Wechsel. Sonst scheint die Zeit stillzustehen wie an einem Sonntagnachmittag. Es ist aber Mittwoch.

Am Wochenende ist dann Hafenfest am Binnenhafen.

Man lümmelt vor den Hummerbuden herum und schnackt mit den Passanten. Manchmal auch über sie ;-) .

Gestern war dann aber plötzlich Schluss mit lustig. Mein Schlautelefon begann rot zu blinken und das tut es normalerweise nur, wenn die Batterien fast alle sind.

Manchmal aber auch aus anderem Grund. Diesmal war es kein schlecht gelauntes Tier, sondern… tja, was? Das Alien-Mutterschiff aus “Independence Day”?

Irgendwie sollten Wolken nicht so aussehen. Ein uralter Primateninstinkt sagt “Zeit, Schutz zu suchen”.

Jedenfalls wurde es kurz danach sehr dunkel, die Windgeschwindigkeit stieg schlagartig auf 70 km/h und es fing an zu blitzen, donnern und zu regnen. Das habe ich dann aber nicht fotografiert, sondern lieber meinen Nachbarn im Erdgeschoss geholfen, ihre Ware in den Laden zu tragen.

Nach einer halben Stunde war der Spuk schon wieder vorbei. Das UFO flog weiter Richtung Festland, in Norddeutschland hörten die Züge auf, zu fahren und hier hat es anscheinend wieder ein Stück vom Internet gebraten. 

Screenshot from 2017-06-24 06-40-41

Örks.

Kaputt

Irgendwie bin ich ein wenig kaputt.

Vorgestern kam das schlecht gelaunte Tier vorbei und brachte ein Gewitter mit. Hochseegewitter sind anders. Oft kommen sie aus dem Westen, haben schon ein paar hundert Kilometer über dem Meer hinter sich und sind dringend auf der Suche nach Krawall. Jegliche Andeutung von Bodenerhebung kommt da gerade recht.

Um 13 Uhr gab es einen Blitz und zwei gewaltige Donnerschläge auf dem Felsen. Am Telekom-Mast im Westen und der Abgasanlage in Nord-Ost war Elmsfeuer zu sehen und zehn Prozent der Helgoländer Telefone hörten auf, zu funktionieren.

Selbst Omas Bakelit-Phon auf Helgoland ist heute ein Endgerät in einem etwas arg aufgeputschten VoiceIP-Netzwerk. Ratet mal, wen die Leute fragen.

Irgendwie bin ich ein wenig kaputt.

Die Helgoländer Walkie-Talkies übrigens funktionieren einwandfrei.

PMR446/3.0 für den Flughafen, /7.5 für die Ornithologen und /5.23 für den Breakfast Club. Hört mal rein, wenn ihr in der Nähe seid ;-) .

Schlecht gelaunt

Heute morgen war das Wetter noch ganz happy. Ich hab aber keine Gästeführung, sondern nur den ganz besonders widerspenstigen Router eines Helgoländer Nachbarn als Patienten.

Nachdem ich dem an den hinteren Stossfänger getreten hab (dem Router, nicht dem Nachbarn ;-) , bin ich emotional ordentlich auf Krawall gebürstet, steige wieder aus dem Keller und…

Oha. Ein schlecht gelauntes Tier im Westen.

Eine Viertelstunde später sind alle Menschen im Freien nur noch auf der Flucht.

Ich stehe am Fenster und hab ein bisschen schlechtes Gewissen, wegen des Daches über meinem Kopf und des Bechers Kaffee in meiner Hand. Sorry ’bout that ;-) .

Party

Es ist Sommer geworden, Partyzeit. Allerdings unterliegt auch der Begriff “Party” einer gewissen friesischen Auslegung.

Die Butterfahrt war hier, sie kam, sah und siegte, wie üblich.

Ein paar Reminiszenzen stehen immer noch auf der Düne im Windschatten. “RockNRoll Bauzaun” ??? Echt jetzt ???

Fe war hier und musste wieder zurück, genau so wie die Ex-Nachbarn von früher. Ich musste ja unbedingt auf eine Insel ziehen.

Jetzt aber ist Pfingsten und Nordseewoche. Regatta und Prosecco am Südhafen. Putzig!

Abends, wenn die Fische und die Schiffe schlafen, sind die Zweibeiner noch aktiv. Von einer der Zahnarztyachten scheppert “TV-Glotzer” von Nina Hagen herüber. Die Welt ist voller Wunder ;-) .

Aber die Welt ist auch voller Dummheit, Grausamkeit und Schmerz.

Da hinten, ein wenig weiter hinter dem Horizont sind wieder Menschen ermordet werden. Im Namen Gottes, dabei mag sie diese Sorte von Ausreden ganz besonders wenig.

Mir wird klar, dass ich mich an diese Nachrichten gewöhnt habe und ich frage mich, was aus uns geworden ist. Aus mir geworden ist.

Komplimente

Im Sommer gibt es für die Gäste ein wenig mehr Kultur, denn wegen des Duty-Free-Klamauks allein würden wohl nicht mehr so viele Leute hierher kommen.

Neulich habe ich für eine Künstlerin aus Sankt Petersburg den local Roadie gemacht (Insulaner tendieren dazu, Multitalente zu sein ;-) und beim Abbau fragte sie mich, ob ich eigentlich Deutscher sei.

Hu?

Na ja, weil ich immer so helpful bin, aber auch so self-restrained, like a british person.

Ich hab zwar einen deutschen Personalausweis, aber trotzdem fühlte ich mich irgendwie geschmeichelt. Yippie!

Andererseits, das soll jetzt was Besonderes sein? Örks.

Menschen, Schiffe und Inseln

Es ist Urlaubssaison, Menschen kommen und gehen. Keine Ausrede, mit denen anders umzugehen als mit den wenigen, die sich im Winter hierher verirren.

Manchmal sind es zwanzig Leute auf einmal. Manchmal nur einer. Untergrenzen hat mein Brötchengeber zum zum Glück nicht, aber natürlich kommuniziert man mit einem Individuum auch anders als mit einem Kegelklub.

Vor zwei Jahren war ich mit einer alten Dame hier unterwegs, die schon länger auf dem Felsen Urlaub machte, als ich überhaupt am Leben bin. Aber es war ihr erster Besuch ohne ihren Ehemann, der ein paar Monate zuvor gestorben war. Da habe ich nach fünf Minuten das Programm in die Tasche gesteckt und einfach mal zugehört. War eine gute Idee.

Kleine Gruppen können auf eine andere Art schwierig sein. Manchmal steht man einem Menschen gegenüber, der einem eigentlich eine eigene Geschichte erzählen möchte (warum reisen Leute zu entlegenen Inseln, hä?).

Das kuckt dann aus den Augen und da kann die Grenze zwischen Professionalität und Herzlosigkeit hauchdünn werden.

Aber egal, am nächsten Tag reisen sie sowieso wieder ab. Ein kleiner Teil der Inselgeschichte geht vielleicht, hoffentlich, mit ihnen zurück.

Und ich bleibe hier, einfach weil sowieso und weil Fe am nächsten Wochenende hierher kommt.

Suppe

Auf dem Felsen gibt es kaum Eis und Schnee im Winter. Dafür regnet es, äh, konsequent vor sich hin. Bis ins Frühjahr hinein ist deshalb unglaublich viel Wasser in der Luft. Wo sollte es auch versickern und gebunden werden? Im Meer etwa?

Deswegen funktioniert die Wettermaschine bis in den Mai in etwa so:

Die Sonne schafft es zur Mittagszeit, die Feuchtigkeit für ein paar Stunden über den Kondensationspunkt zu erwärmen und dann gibt es blauen Himmel, tralala.

Kuschlig ist das dann, fast wie in der Sauna, aber über Nacht kühlt es ein paar Grad ab, das ganze Wasser fällt wieder runter und der neue Tag beginnt so:

(Also ich meine, ich gehe zur Arbeit und im Binnenhafen legt gerade der Frachter ab. Falls das irgendwie nicht erkennbar sein sollte. ;-)

Wartungstermin

Autos müssen alle paar zehntausend Kilometer zur Inspektion und mein Blutzucker alle drei Monate. Seezeichen auch, etwa einmal im Jahr, je nachdem, wo und wie sie den Kräften des Wetters und der Gezeiten ausgesetzt sind.

Die Kardinaltonnen östlich der Landungsbrücke haben es vergleichsweise gut. Trotzdem kommt heute die “Triton”, ein Arbeitsschiff der Küstenwache, um den Zustand der Tonne und der Ankerkette zu überprüfen.

Dazu muss das Ding aber erstmal aus dem Wasser gehievt werden.

Der Auftriebskörper wird mit einem Monsterdampfstrahler von Muschel- und Tangbewuchs gereinigt. Der führt nämlich unter anderem dazu, dass sich die Tonne im Seegang mehr bewegt und die Ankerkette schneller verschleisst.

Als ich noch ein kleines Mädchen war, lief im Kino mal ein Eastwood-Western mit dem Titel “Hängt ihn höher” (durfte ich damls natürlich nicht kucken ;-) .

An Bord wird die Tonne dann nochmal genauer auf Lecks und andere Beschädigungen untersucht. Zur Sicherheit ist auch eine Reservetonne mit an Bord.

Und danach geht es dann wieder zurück ins Wasser.

Das klingt wahrscheinlich alles nicht sooo aufregend. Es ist wahrscheinlich so spannend wie eine Großbaustelle auf dem Festland, an der gerade ein besonders sperriges Bauteil mit dem Autokran verladen wird. Da stehen dann ja auch immer ein paar Schulkinder, Pensionäre und Mittagspausen-Sachverständige herum und knipsen vor sich hin.