So sieht’s aus

Nachrichten vom Festland, die Guten zuerst:

Die Kiste mit den Büchern aus Österreich ist angekommen und ich bin jetzt stolzer Besitzer der fantastischen, komplett neu übersetzten und bearbeiteten Werkausgabe von James Tiptree, Jr. Sehr sehr gute Arbeit, liebe Leute vom Septime-Verlag!

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Dann ist da aber mein alter Freund aus der Achtziger-WG, wie ich von den Jahrzehnten geschüttelt und gerührt, er jedoch nahezu unzerstörbar. Seit Jahren mache ich mir weniger Gedanken um ihn, denn ich weiß, daß er nun endlich bei der Frau-für-immer angekommen ist.

Telefon: Seit vorgestern ist er Witwer. Und ich Esel renne immer noch hier herum und verschleiße Sauerstoff.

Was soll das?, schreie ich an der Westklippe in den Wind.

Dieses selbstzerstörerische Aufbegehren wie damals, als zum ersten Mal einer zu früh starb. Ich dachte, ich hätte dazugelernt.

Nord-Ost

Meistens kommt der Sturm hier aus Südwesten (der Südwester hat seinen Namen nicht von ungefähr). Auch das Dorf ist so gebaut, daß es dem Wind – so gut es geht – den Rücken zuwendet.

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Dann wird es für kurze Zeit ganz still und das Licht ist seltsam.

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Am nächsten Tag Nord-Ost-Wind, wahlweise aus Norwegen, Grönland oder Island. Brrr. Und der drückt nicht gegen das Küchenfenster, sondern gegen mein Schlafzimmerfenster. Irgendwann ab Windstärke acht geben dann die Dichtungen nach und es wird Zeit, Handtücher auf die Fensterbank zu legen.

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Keine Schiffsverbindung, keine Gäste und ich lese Strindbergs Aus meinem Leben. Ein bißchen skandinavische Schwermut ist ja ganz ok bei diesem Wetter, aber irgendwie hackt er mir zuviel auf seiner Frau herum (die er kurz zuvor etwas holterdipolter hier auf dem Felsen geheiratet hatte). Bastele stattdessen an ein paar Freifunk-Routern herum.

So geht das ein paar Tage, bis dann eines Morgens der Himmel aufreißt und sagt: Was denn? Ich tu doch garnichts.

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Ein Arbeitskollege kommt aus dem Urlaub zurück, erzählt von schwer bewaffneten Polizisten am Bahnhof und daß seine Tasche im Zug zwischen Hamburg und Bremerhaven dreimal durchsucht wurde.

An der Frachthalle gegenüber vom Zollamt die ersten Anzeichen von Weihnachtsbeleuchtung. Ach nee.

Kein Weg zurück

Seit drei Tagen Sturm, keine Schiffe und auch die Inselflieger haben alle Flüge abgesagt.

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Am Himmel ziehen Wolkenschlösser vorbei, die von Graf Dracula entworfen sein könnten.

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Auf dem Weg zum Südhafen gehe ich in den Sailor’s Shop und kaufe ein Handbier. Im Radio läuft gerade “Kein Weg zurück” von Wolfsheim. Einer der seltenen Augenblicke, in denen der Dudelfunk die passende Musik spielt.

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In der Hafenstraße warten die Baracken gegenüber der Feuerwehr immer noch auf ihre Gentrifizierung.

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Dann gehe ich nach Hause, liege auf dem Bett und lese meinen Kropatscheck weiter.

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Und ich weiß wieder: Wir sind alle Glückskinder, Wolfsheim-Musik hin oder her.

Nordsee is’ Schalke, Ostsee is’ Borussia

An der Nordsee gilt Ostsee-Bashing teilweise als legitimer Zeitvertreib, wenn einem sonst kein Gesprächsthema einfällt. “Mittelgroße Pfütze mit rudimentärem Salzgehalt und Tidenhub”. Haha, witzig.

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Trotzdem bin ich nach Kiel rübergefahren, um mich mit Freunden zu treffen und mir das mal näher anzusehen.

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Tatsächlich sieht es am Ostseestrand etwas anders aus.

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Durch die schwach ausgeprägten Gezeiten ist der Abstand zwischen Wasser- und Baumlinie sehr schmal. Überhaupt macht die Ostsee an vielen Tagen einen wirklich sehr stillen Eindruck.

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In den Ferienorten ist dafür um so mehr los. Ein wildes Gewimmel von Urlaubern, Pommes- und Eisbuden überall und seit ich-weiß-nicht-wie-lange war ich mit meinen Leuten Mini-Golf spielen.

Und überhaupt, Land, Land, Land! Wieviel Land es gibt!

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Und nun bin ich wieder zurück und das Wetter übt schon mal für den Herbst.

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Macht nix, die Bibliothekarin hat Bescheid gesagt, daß der neue Haruki Murakami-Roman angekommen ist, nach dem ich gefragt hatte.

Im Labyrinth der träumenden Bücher

Das ist der Titel eines Buches von Walter Moers, daß ich gerade lese. Passenderweise war ich heute in der Inselbücherei, um ein paar Bücher zurückzugeben.

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Die Bibliothekarin hatte mir vor einigen Wochen erzählt, daß es einen Plan gibt, die Regale weiter auseinander zu rücken, weil die Besucher nach ein paar Jahrzehnten McD**f-Eßkultur auf dem Festland nicht mehr so gut durch die Gänge passen.

(Nein, es gibt kein goldenes M auf dem Felsen. Toll, nicht wahr? ;-)

Inzwischen hat sich aber herausgestellt, daß die Regale vor langer Zeit als eine Art Gesamtkunstwerk gebaut wurden. Die “Just do it”-Methode ist dadurch nicht mehr empfehlsam, denn ansonsten könnte es passieren, daß die angrenzenden Regale dabei einstürzen.

Also bitte noch etwas Geduld. Ehrlich gesagt: Wenn man sich mit den anderen Besuchern ein wenig abspricht, ist das nicht wirklich ein Problem.

Lesezeichen

Die Bibliothekarin hat angerufen. Ich habe mein Lesezeichen in einem der letzten Bücher steckengelassen.

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Die beiden Mädels waren lange Jahre meine Schutzengel, sie schienen aus einer anderen, besseren Welt zu stammen. Viele Jahre später las ich dann, daß beide von den Nazis ermordet wurden. Sonia von den Nazis ermordet wurde. Nusch ist mit 40 an einem Hirnschlag gestorben. Seufz.

Sie sind immer noch meine… ach, was weiß ich.

Grauzone

Dezember. Die endemische Weihnachtsbeleuchtung im öffentlichen Raum ist auch hier auf der Insel angekommen, aber meistens sieht man nicht so viel davon.

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Der Wind aus Ostsüdost bringt eine Mischung aus Nebel und Gischt. Der Leuchtturm ist weg, der Sendemast auch. Die Landungsbrücke nur noch eine Silhouette.

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Gott spielt mit Ph*toshop und dreht die Farbsättigung ganz weit runter. Nebelbänke wehen übers Meer heran und ziehen weiter zum Englandbesuch. Now you see it, now you don’t.

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In der Bücherei klappern die Fensterscheiben. Tja, sagt die Bibliothekarin, das ist so, seitdem für die Erweiterung der Südpromenade die alten Büsche und Sträucher weggebaggert wurden. Im Frühling werden sie wieder neu gepflanzt.

Frühling. Ha!