Spaziergang am Rand der Welt

Gestern morgen hat es in einer Stunde 40 Liter pro Quadratmeter geregnet. Das macht hier aber nichts, die Helgoländer Häuser sind für sowas gebaut. Als dann die Sonne wieder zum Vorschein kam, versank erstmal der Rest der Welt im Nebel.

Nächste Woche bekomme ich Besuch und deswegen laufe ich zur Jugendherberge, um ein Zimmer zu reservieren. An der Ostmole spazieren ein paar Zweibeiner am Rande des Nichts entlang.

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Danach sitze ich am Nordoststrand. Ein Seehund betrachtet mißtrauisch eine Entenfamilie. Wer weiß, ob die nicht den ganzen Fisch wegfressen?

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Dann klettere ich ins Oberland hinauf. Am Brutfelsen ist wieder ein Riesenkrakeel von Hunderten von Lummen und Tölpeln und es riecht recht würzig, ein bißchen nach Fisch und Vogelmist. Oben an der Felskante stehen die Zweibeiner mit ihren Tele-Objektiven und knipsen, was das Zeug hält. Mein Blick wandert vom Felswatt bis zum Horizont mit den Überseefrachtern auf dem Weg nach Hamburg.

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Heute haben wieder Gäste am Ende der Tour gefragt, wie man eigentlich auf die Idee kommt, hierher zu ziehen. Aber da habe ich inzwischen auch eine Antwort parat, die sogar zu einem überwiegenden Anteil auf wahren Begebenheiten beruht ;-) .

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Gernegroß

Als ich noch klein war, kam ich mir groß vor. Ein verständlicher Irrtum, denn mit vierzehn Jahren war ich schon einen Meter achtzig lang, aber mein Leben war noch ziemlich kurz. Und ich las dicke Bücher, von Huxley und Nietzsche, Frisch und Dürrenmatt, weil ich dachte, dann ginge es schneller.

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Inzwischen sind nur noch wenige Zentimeter dazugekommen, aber eine Menge Jahre. Und ich weiß, wie klein ich in Wirklichkeit bin (zwischen den Häusern der Städte war ich nie klein, nur mickrig ;-) .

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Eines Tages werde ich wirklich groß sein, so groß wie die ganze Welt. So groß, daß ihr mich nicht mehr sehen könnt.

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Das sollte euch dann bitte nicht traurig machen.

Der Weg

Sonntags ist mein arbeitsfreier Tag, aber nachmittags habe ich trotzdem einen Termin, um einer netten älteren Dame zu erklären, warum wir gerne an ihrem Balkongeländer eine Freifunk-Antenne montieren möchten. Sie wohnt nämlich am oberen Ende der Steilklippe mit einer super Sichtlinie auf die Router im Unterland.

Tatsächlich reden wir auch ein wenig über Freifunk, verzetteln uns dabei aber andauernd zu ganz anderen Themen: Dieser merkwürdige Felsen, diese merkwürdige Welt, dieses merkwürdige Leben. Als sie zum ersten Mal hierher kam, krabbelte ich noch auf allen Vieren.

Danach gehe ich über das Oberland. Warum, ich weiß es nicht. Vor und hinter mir verschwimmt der Weg im Nebel. Weitergehen, bitte weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen, scheint die Welt zu sagen.

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Der Leuchtturm ist nahezu unsichtbar und die Kraterlandschaft des Oberlandes könnte man mit etwas gutem Willen für sanft geschwungene Hügel halten.

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Hinter der Langen Anna verschwindet die Nordmole des nie vollendeten Hummerschere-Hafens im Nichts.

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An der Radarstation schauen Reste der alten Nazibunker unter der Grasnarbe hervor.

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Hier endet der Weg an der ehemaligen Aussichtsplattform, die im vor-vorigen Dezember in die Nordsee stürzte; ich stehe da im Wind und frage mich, wie ich hierher gekommen bin und was dieser Ort für mich bedeutet. (Und sorry, sorry, ich verrate es an dieser Stelle nicht.)

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Auf dem Rückweg sehe ich hinunter zum Nordost-Strand. Jemand hat ein großes Herz für Eva auf den Strand gezeichnet.

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In spätestens sieben Stunden wird die Flut es wieder mit sich nehmen, aber jetzt lächle ich und denke: Herzlichen Glückwunsch, Eva, wer immer du auch bist.

White-Out

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Normalerweise schneit es nicht auf Helgoland. Heute ist aber nicht normalerweise.

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Ich wickele mich in meine besten Thermoklamotten, um ein paar Fotos zu machen. Nach 10 Minuten bin ich wieder zurück.

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Geht nicht. Zu kalt.

Im großartigen geheizten Zimmer rechne ich dann nach. Oh, minus 25 Grad Windchill-Temperatur. Ach so.

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Und dann ist da noch das Problem, daß der Schnee nicht liegenbleibt. Nein, er taut nicht, er fliegt ‘rum.

Es schneit aus allen Richtungen gleichzeitig, also nicht einfach von oben auf den Boden, sondern eher so die Wände hoch.

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Also gebe ich auf und gehe wieder nach Hause. Da, wo traulich die Freifunk-Router blinken ;-) .

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Oha, die Bandbreite auf den Mesh-Verbindungen zwischen den einzelnen Routern ist durch das Schneetreiben um acht Prozent gesunken. $%&#???!

Gähn

Eine Woche wie eine flaue Fotokopie. Der Horizont ist zur Reha und selbst der Regen scheint Dienst nach Vorschrift zu machen.

Ab und zu schaut mal kurz die Sonne vorbei, beschließt, daß es sich nicht lohnt und verschwindet wieder unter der Bettdecke. Manchmal tue ich das Gleiche.

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Morgen kommt wieder ein Sturm. Uff.

Andererseits: Am verangenen Wochendende waren ein paar Jungs & Mädels von Freifunk hier. Könnte also sein, daß der Felsen in naher Zukunft zum WLAN-Paradies wird (-> helgoland.freifunk.net). Stay tuned!

Im Westen nichts Neues. Im Norden neues Nichts.

Ein arbeitsfreier Tag.

Windstille, nahezu kein Wellenschlag am Nordstrand, Stille, das ist selten. Meer und Himmel verschwimmen am Horizont. Ich sitze da und Nichts passiert.

Ein Seehund steckt die Nase aus dem Wasser und verschwindet wieder. Ein paar CTV’s fahren vorbei, hinaus in den Windpark. Ein Eissturmvogel jagt über das Wasser dahin, auf der Suche nach unvorsichtigen Fischlein. Dazwischen Nichts.

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Irgendwann sehe ich auf meine Uhr. Nein, sie ist nicht stehengeblieben, sie ist ein äußerst zuverlässiges Stück Plastik aus Japan.

Vier Stunden sind vergangen und Nichts ist passiert.

Toll.

Panorama, baby, Panorama

Wieder so ein Inseltag. Wachwerden, Kaffee, Hinlegen. Mehr Kaffee, Regen am Küchenfenster. Oh, Arbeiten gehen.

Feierabend. Im Südhafen tutet die Winterfähre und es geht schon auf den frühen Nachmittag zu.

Ich laufe rüber zur Westkaje, Wolken ziehen vorüber, das Wetter macht seine Faxen und die Möwen die ihren.

Der Himmel ist sehr groß und ich sehr klein. Ich sitze da und denke größtenteils: Nichts. Vielleicht, daß ich mir gar nicht mehr vorstellen kann, jemals U-Bahn gefahren zu sein.

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