Here comes the rain again

Nein, keine Sorge, ich höre nicht Annie Lennox zum Frühstück.

Der Südwestwind hat über Nacht auf Beaufort 8 aufgefrischt und treibt den Regen gegen das Küchenfenster. Das ist so ungefähr die Windgeschwindigkeit, ab der Fenster und Türen beginnen, ein Eigenleben zu führen.

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Alles was nach Süd öffnet (Küche, Klo und Wohnungstür), haut dir bei achtloser Handhabung gerne mal eins auf die Nase und der Rest will ordentlich ins Schloß gezogen werden, damit er nicht plötzlich aufspringt und die Inneneinrichtung umbaut.

Und dann ist da noch dieses Geräusch mit dem ich einschlafe und aufwache, wie in einem Gruselfilm aus den Fünfzigern mit eher bescheidenem Budget: Ouuuuooouuuhhh…

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Ansonsten ist es sehr still in der Männer-WG in der Hafenstraße. Joe hat Frühschicht und Daniel ist für ein paar Tage in Portugal, Sonne nachtanken.

Kerzen. Ich muß mehr Kerzen kaufen.

Windstärke 10

Windstärke 10 (Beaufort): Schwerer Sturm

An Land: Bäume werden entwurzelt, Baumstämme brechen, Gartenmöbel werden weggeweht, größere Schäden an Häusern; selten im Landesinneren.
Auf See: Sehr hohe See, sehr hohe Wellen, weiße Flecken auf dem Wasser, lange, überbrechende Kämme, schwere Brecher.

Soweit die Wikipedia.

Seit vier Tagen war keine Fähre mehr hier und gestern haben auch die Inselflieger den Betrieb eingestellt.

Der Instinkt sagt einem: Bleib lieber im Haus. Die Ladenbesitzer auf der Insel hassen dieses Wetter, die Kneipenwirte lieben es, denn die Touristen und die frisch Zugezogenen finden natürlich alles ganz romantisch und aufregend und werden in ein paar Stunden nach Grog verlangen. Tatsächlich beginne ich heute zu verstehen, wie man dieses Gebräu überhaupt runterbringen kann. Im weitesten Sinne steht Grog in der gleichen Beziehung zu Sturm wie Hustensaft zu Erkältung (hilft zwar nicht, beruhigt aber ;-).

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Am Nordosthafen kommt die See über die Hafenmauer, von der im Sommer die Inselkinder ihre Fünf-Meter-*rschbomben gestartet haben. Vor der Bücherei stapeln sich die ersten Sandsäcke und die Bibliothekarin erzählt mir fröhlich, daß die Jungs die Sandsäcke wieder falsch gelegt haben. Das Wasser kommt nämlich nicht vom Hafen, sondern wird vom Nordostwind zuerst mal hundert Meter ins Dorf hinaufgetrieben, um dann auf dem Rückweg einen kurzen Besuch in der Bibliothek abzustatten.

Am Nordstrand setze ich kurz die Brille ab, weil der waagerecht heranfegende Gischt in Sekunden die Gläser mit Salzwasser verkleistert. Dann setze ich sie wieder auf,  weil sie doch einen guten Schutz gegen die Sandkörner und Tangfetzen bietet, die da mit angeflogen kommen. Man könnte das vielleicht als Thalasso-Sandstrahl-Massage vermarkten ;-).

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Die See brüllt mich an. Ich kann es nicht anders beschreiben. Eigentlich kann ich es gar nicht beschreiben.

Im Oberland wird es dann etwas schwierig, einen geraden Kurs zu halten. Ganz ohne Grog. Der Wind packt mich an der Jacke wie ein mäßig bedröhnter Hooligan und zieht mich einfach ein paar Schritte mit, bevor ich gegensteuern kann. Vorsicht also vor allem auf der Leeseite der Insel, denn wer will schon auf die harte Tour austesten, ob der Schutzzaun am Klippenrand noch komplett in Ordnung ist?

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Der Sendemast hinterm Leuchtturm macht ein Geräusch wie eine Mischung aus Kirchenorgel und wütendem Dinosaurier. Eigentlich ist das eine ziemlich stabile Konstruktion aus Stahlfachwerk, aber heute frage ich mich nicht mehr, warum die Statiker dem Ding noch drei Pardunen (Abspannseile) aus Fünfzehn-Millimeter-Stahlseil verpaßt haben.

Als ich wieder zu Hause ankomme, bin ich mäßig unterkühlt, salzverkrustet und auf völlig dämliche Art und Weise glücklich.

Und sch**ß auf Grog. Espresso rules ;-).