Gegendarstellung

Gestern hatte ich über Energiegewinnung, Nachhaltigkeit und ökologische Widersprüche auf dem Felsen geschrieben. Alles gar nicht wahr. Fast, jedenfalls. Die Gemeindeverwaltung hat eine Kampagne zur Ausrottung der Dämlichen Plastiktüte™ gestartet.

image

Für nur einen Euro kann jetzt jeder auch hier die Welt retten. Poesie gibts gratis dazu.

image

Und es stimmt: Wenn man am Lummenfelsen etwas genauer hinsieht, merkt man, daß die Nester der Seevögel zu einem guten Teil aus den ungezählten Fantastillionen von Polyester- und Polypropylen-Fasern gebaut sind, die auch in der Nordsee herumschwimmen.

image

Auch wenn diese Fasern durch UV-Strahlung so stark versprödet sind, daß sie sich vom Schiffstauwerk ablösen, können sie immer noch eine tödliche Schlinge um Kopf oder Fuß der Vögel bilden. Von den noch kleiner zerbrochenen Partikeln, die über Seewürmer und -schnecken in die Nahrungskette gelangen, mal ganz zu schweigen. Lecker :-( .

Energie

Bis zum Jahr 2009 wurde die Energieversorgung des Felsens von zwei riesigen Dieselgeneratoren sichergestellt. Ja, auch alle unsere Elektrovehikel waren im Grunde Dieselfahrzeuge. Deswegen ist Helgoland auch eine Insel mit Tankstutzen.

image

Seit sechs Jahren bringt das Helgoland-Kabel Elektrizität aus dem Festlandsnetz (und eine Menge Glasfaser-Connectivity) zu uns. Der Strom aus den Windparks wird hier wohl nie direkt ankommen, weil die Umwandlertechnik für die Energieübertragung vom Windpark zum Festland so aufwändig ist, daß sich eine Abzweigung für unsere winzige Insel nie lohnen wird.

In den 90ern gab es für kurze Zeit eine eigene Windturbine im Südhafen. Aber der GROWIAN 2 ist für Windenergie-Ingenieure heute vor Allem deswegen wertvoll, weil er gezeigt hat, wie es nicht funktioniert. Nach fünf Jahren und mehreren wirtschaftlichen Totalschäden wurde die Anlage wieder demontiert.

image

image

Eine Ausnahme stellt das Gästehaus der Biologischen Forschungsanstalt im Nord-Ost-Gelände dar. Die haben sich eine eigene Miniturbine aufs Dach gesetzt, einen Darrieus-Helix-Hybriden, der nahezu geräuschlos läuft.

image

Trotzdem gibt es noch genug ungelöste ökologische Widersprüche. Die Aufbau-Architektur der 60er-Jahre ist ein ziemliches Energiesieb und die Wärmedämmungs-Nachrüstung wie auf dem Festland wurde aus denkmalpflegerischen Gründen für einige Jahre gestoppt. Im Südhafen-Gebiet haben viele Häuser elektrische Heizkörper, die aus der 230-Volt-Steckdose (!) gespeist werden.

A propos Dose: Ganz zu schweigen von etwa 100 Tonnen pfandfreier Getränkedosen aus den Duty-Free-Läden, die die Inselfrachter pro Jahr zwischen Insel und Festland hin- und herschippern. In Kanada kriegt man dafür zwar 20 Cent Pfand, aber die meisten Besucher und Bewohner fahren gerade nicht nach Quebec und der ganze Kram landet bestenfalls in der gelben Mülltüte.

image

Die ersten Berichte des griechischen Forschungsreisenden Pytheas von Massilia im dritten Jahrhundert vor Christus erzählen übrigens von einer merkwürdigen Insel im Nordmeer, auf der die Bewohner in Ermangelung von Bäumen ihre Herdfeuer mit Bernstein speisen. Im Prinzip geht das, wäre aber heute ein etwas kostspieliger Brennstoff ;-).

image

Öl

Selbst der Weihnachtsmann fährt auf Helgoland elektrisch.

image

Trotzdem: Auch wenn auf der Insel pro forma alle Fahrzeuge elektrisch angetrieben werden, kommt einmal im Monat der Tanker aus Cuxhaven (und im Sommer etwas öfter), denn die verschiedenen CTVs, der Rettungskreuzer und eine Reihe von Baustellenfahrzeugen auf der Insel brauchen Dieselöl.

image

Bizarrerweise kam der Strom für die Elektrofahrzeuge bis 2009 ausschließlich von zwei Dieselgeneratoren (jeder etwa so groß wie eine der Hummerbuden im obigen Bild) im Nordostgelände der Insel. Dann wurde das Helgolandkabel von St. Peter-Ording verlegt und die Insel als die definitiv letzte Gemeinde in Deutschland an das Stromnetz auf dem Festland angeschlossen.

Von 1990 bis 1995 hatte die Insel auch eine eigene Windturbine. Die war aber meistens kaputt – die Idee war gut, aber die Technik nicht reif dafür. Strom aus den heutigen Windparks wird es auch nie direkt geben, das liegt an der aufwändigen Umspanntechnik, die man bauen muß, wenn man eine so lange (Unterwasser-) Leitung hat. Lasst euch mal von einem Hochenergie-Elektriker oder der W*kipedia den Sheathing-Effekt erklären.

Ganz nebenbei kann man hier auch meine Wohnung erkennen. Einfach die merkwürdige Gangway anpeilen, die mittschiffs vom Tanker aufsteigt (in Wirklichkeit ist es das Rigg für den Tankschlauch) und direkt darüber ist mein Zimmerfenster.

(Hallo Tante Else, ich bin im Fernsehen Internet!!! ;-)