Ruhrpott

Hier bin ich geboren, hier war das ein bißchen rätselhafte Land, wo man Onkels und Tanten besucht. Hier war die alte WG.

Lotte fängt mich schon am Bochumer Bahnhof ab, die Taschen wandern ins Schließfach und wir fahren weiter zur Jahrhunderthalle, wo gerade Element Of Crime aufspielt. In den meisten Liedern hat die Nordsee zumindest einen Gastauftritt, ich schaue mich in der Halle um und denke plötzlich: Hier sind fünfmal so viele Menschen, als auf dem kompletten Felsen leben.

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Am nächsten Tag gehe ich in Essen im Stadtgarten spazieren und lerne wieder, auf Knöpfe zu drücken, wenn ich plane, eine Straße zu überqueren. U-Bahn fahren kommt morgen dran ;-).

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Abends gehe ich in den Gruga-Park, der gerade durch Lichtskulpturen in eine surreale Farblandschaft verwandelt ist. Leider ist es kalt, sehr kalt im Märchenland, so daß ich nach wenigen Minuten doch immer wieder weiterziehen muß.

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Und ich treffe Menschen, Menschen, Menschen, eine ungewohnte Vielfalt, für die auf dem Felsen einfach zu wenig Leute leben. Hart rockende Wissenschaftler. Buddhistische Cellospieler. Hausbesetzer. Schwiegermütter. Ein sehr sympathischer, sehr junger Mann, der bei meinem letzten Festlandsaufenthalt noch gar nicht auf der Welt war. Seine Eltern, die jetzt plötzlich Eltern sind ;-).

Es schmerzt fast ein wenig, als ich auf dem Balkon stehe und über die Dächer der Stadt schaue, denn ich denke: Warum müßt ihr eigentlich unbedingt an einem Ort leben, an dem ich nicht mehr sein möchte?

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Aber irgendwas ist ja immer.

Abfall

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Dr. Carl Peters war ein erfolgreicher deutscher Expeditionsführer gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die Eroberung der deutschen Kolonialgebiete in Ostafrika geht größtenteils auf sein Konto.

Ebenfalls auf sein Konto geht eine große Anzahl von Folterungen und Morden an den Einheimischen. Dr. Peters legte sich einen privaten Harem zu und wer aufmuckte, wurde kurzerhand aufgehängt. Die Frauen wurden meistens “nur” öffentlich ausgepeitscht.

Selbst für den Zeitgeist des wilhelminischen Deutschland (das weit davon entfernt war, den afrikanischen Ureinwohnern Menschenrechte zuzusprechen) waren Dr. Peters’  Methoden zu grausam. Die Presse verpaßte ihm den Spitznamen “Hänge-Peters”, er verlor seine diversen Ämter und sein Denkmal wurde von Berlin nach Helgoland gebracht.

Das entbehrte schon damals nicht einer gewissen Ironie, denn Kaiser Wilhelm war so fest entschlossen, das – damals noch britische – Helgoland zu einem deutschen Marinehafen zu machen, daß er mit dem Sansibar-Vertrag die von Dr. Peters eroberten Kolonien den Engländern im Tausch gegen Helgoland übergab.

Was von Dr. Peters’ Denkmal nach der Zerstörung der Insel im zweiten Weltkrieg noch übrig war, ist heute relativ zwanglos im Vorgarten des Helgoland-Museums arrangiert.

Zuhause

Offiziell sind die Feiertage vorbei, der Sturm hat abgeflaut und es kommen wieder Fährschiffe mit Gästen auf die Insel.

Es gab dem Hörensagen nach ein paar langgezogene kollegiale Trinkfeste, aber ich habe gepaßt. In den Achtzigern fand ich das cool, aber heute nicht mehr so. Das trifft sich gut, denn gut dreißig Jahre später wäre die Rekonvaleszenz-Phase doch schmerzhaft lang. Und das mit dem “Stihille Nacht…” kann man ja auch mal ganz wörtlich nehmen.

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Also bin ich den größten Teil meiner Freizeit über zu Hause. Zuhause stellt sich hier als eine Art sehr geräumiger Schiffskajüte dar (plus dem Raum in meinem Kopf, den Welten in Büchern und auf diversen Festplatten und Flash-Speichern). Ein Umzug ist etwas komplizierter als sonst, denn du kannst dein Gerümpel nicht einfach selbst in einen Mietwagen laden. Der Wohnraum auf der Insel ist absurd teuer und ohne Hilfe des Arbeitgebers nahezu unbezahlbar. Das liegt größtenteils daran, daß die wirklich schönen Häuser zwar im Winter leer stehen, aber trotzdem als Sommer-Ferienwohnungen reserviert bleiben. 

Meine Möbel und kistenweise Zeugs sind immer noch in einem Keller auf dem Festland und nach einem guten halben Jahr frage ich mich allmählich, wozu ich sie früher überhaupt gebraucht habe. Tisch, Stuhl, Bett, Badezimmer und Küche. Ein paar Bücher, Schreibutensilien und eigentlich ist Alles da.

Tütenmilch für den Kaffee ist allerdings gerade ausgegangen und morgen ist Sonntag. Hmpf.

Liebling…

…die Nachbarn haben wieder ihren Kram im Treppenhaus liegen lassen!

Nebenan residiert eine Bande Offshore-TechnikerInnen (ja, auch Frauen) und entwerfen Hubschrauberlandeplattformen oder sowas.

Manchmal liegt da echt interessantes Gerümpel im Flur. Tolle Profi-Taschen zum Beispiel, neben denen der berühmte Yellow Bag aussieht wie ein Kinderrucksack ;-) …

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