Herbstspaziergang

Alle Besucher fahren ‘rüber zur Düne, wegen den Robben und, naja, den Dünen und überhaupt. Ich war schon seit August nicht mehr da. Ein Freund aus Berlin hat mir mal erzählt, daß man dort nach den ersten paar Monaten in der Megastadt kaum noch seinen Kiez verläßt. Irgendwie ist das hier auch nicht anders.

Eigentlich bin ich auch aus einem anderen Grund hier: Ich denke mir gerade Fragen für die Helgoländer Schatzsuche aus, eine Mischung aus Schnitzeljagd, Geocaching und Helgoland-Quiz. Also dann: Wieviele rote Häuser gibt es im Bungalowdorf auf der Düne? Und warum kann man die Hausnummern 2 und 4 nicht mieten?

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Ach so ;-) .

Ich gehe weiter, am Südstrand, entlang. Keine Badegäste mehr bei diesem Wind, nur ein Wegweiser im Sand, der auch bald verschwunden sein wird.

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Wo zeigt der bloß hin? Nun ja, im Zweifelsfalle nach Dänemark.

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Am südöstlichen Ende der Düne hat der letzte Sturm den Seetang zu meterhohen Wällen aufgeworfen und plötzlich stehe ich ungewollt in der Chillout-Area einiger Robben-Teenager.

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Uups, sorry Leute, bin schon wieder weg. Beachtet mich einfach nicht ;-) .

Im Osten der Düne ist ein rauer Kiesstrand. Und das ist auch gut so, denn wer hier baden geht, schwimmt höchstwahrscheinlich bis nach Büsum. Allerdings mit dem Bauch nach oben.

In den letzten zwei Wintern hat sich das Meer gefährlich nahe an die Rollbahn des Flughafens herangearbeitet.

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Ein paar Vogelbeobachter stehen am Strand wie ein Aktenvermerk Gottes. Plötzlich muß ich an Bilder von René Magritte denken.

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Am Nordstrand habe ich glücklicherweise den Wind im Rücken.

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Für die Helgoländer gibt es kein buntes Laub in dieser Zeit und der Herbst riecht auch anders, nach Sand und Salz.

Ach so: Wieviele rote Häuser gibt es denn nun im Bungalowdorf? Tja. Sorry. Betriebsgeheimnis ;-) .

Die Schiffchen ins Trockene bringen

Daß der Straßenverkehr auf dem Felsen etwas anders aussieht, habe ich ja schon des Öfteren mal erwähnt. Bestimmte Kombinationen von Zugmaschine und Nutzlast bringen mich aber immer noch zum Lächeln…

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Auch ansonsten stehen die Zeichen auf Saisonende. Vorgestern hat sich die Fair Lady Richtung Bremerhaven mit großem Getute in die Winterpause verabschiedet und in einem Monat kommt dann nur noch das Winterschiff. Die neue Helgoland laboriert aber immer noch in der Werft mit technischen Kinderkrankheiten des LNG-Antriebes, also muß die Atlantis wahrscheinlich doch noch etwas länger durchhalten.

Ein Jahr

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Tja, es ist soweit. Heute ist es ein Jahr her, daß ich auf den Felsen gezogen bin. Da war auch gerade Nordseewoche, jeden Tag kamen 2.000 schick gemachte Hamburger herüber und ich wußte zwar, daß das im Winter wohl anders sein würde, aber ansonsten wußte ich noch ziemlich wenig.

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Dann kam ein langer warmer Sommer und ein ebenso langer verregneter Winter. Zum Glück lese ich gern und viel, denn sonst hätte ich mir wahrscheinlich eine Katze zulegen müssen.

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Nichts gegen Katzen an sich, aber die Eßgewohnheiten sind mir dann doch etwas zu… fischig.

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Ein paar Freunde habe ich gewonnen. Naja, drei. Das ist schon ein ganz guter Wert. Ich habe gelernt, mit einer Population von ein paar hundert Menschen klarzukommen, aus denen ich mir meine Freunde und Bekannten aussuchen kann. Da darf man nicht so extrem pingelig sein. Auch was die eingebauten Nachteile und Widersprüche des Dorflebens angeht, speziell wenn dieses Dorf im Winter eine ziemlich reduzierte Verkehrsanbindung zum nächsten Dorf hat. Da kommt die Fähre nur noch alle zwei Tage, die Hälfte aller Geschäfte und Kneipen ist für Monate verbarrikadiert und wenn es ein paar Tage stürmt, leeren sich auch sichtbar die Regale für Obst und Gemüse im Supermarkt.

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Und ich habe gelernt, die Windstärke am Heulen und Pfeifen zu erkennen, mit dem der Wind um den Sendemast weht.

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Dreimal war ich jeweils für ein paar Tage auf dem Festland, um dort alte Freunde wieder zu sehen. Das war schön und teilweise verwirrend, weil ich den subkulturellen Wirrwarr und die hohe Sprechgeschwindigkeit auf Festlandsparties irgendwie nicht mehr gewöhnt bin ;-).

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Irgendwie war das auch faszinierend, aber sonst gab es nicht viel, das mich hätte halten können, am wenigsten in den Städten. Die sind unglaublich bunt, vielfältig, vermüllt und voll. Überall verstellt etwas von Menschen gemachtes den Blick und man vertrödelt viel Lebenszeit und Geld in Staus und U-Bahnen. Hier dagegen eher mit Herumsitzen am Klippenrand und Betrachten des Horizontes.

Nach dem hundertsten Photo von der leeren Nordsee fragen dann die ersten Freunde, ob es nicht noch was Anderes gibt außer Himmel und Meer. Na ja, schon. Aber das ist einfach Teil meines Alltags und ein Photo kann eben nur in seltenen Glücksfällen vermitteln, wie sich dieser Augenblick angefühlt hat.

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Jetzt ist aber Frühling, die Urlaubs- und Feriensaison hat begonnen und nach dem langen stillen Winter kommt mir das Wort “Gedränge” in den Sinn, wenn die Besucher nach der Ankunft unter meinem Fenster entlang vom Hafen in Richtung Dorf pilgern. In der Fußgängerzone von Bottrop ist natürlich an einem beliebigen Dienstagmorgen mehr los ;-).

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Aber das ist halt Alles relativ.

Habe ich den Umzug bereut? Nö.

Bleibe ich hier? Ja.

Gebt mir einen Grund, mich anders zu entscheiden.

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Ich finde keinen.

This corrosion

Wind, Wasser und Salz. Und Zeit, alle Zeit der Welt. Die machen aus Stahl und Beton früher oder später Grütze.

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Und auf dem Weg dorthin auch tolle Farben und Formen. Die darf man hier gratis ansehen, wenn man sich an der Landungsbrücke in Richtung Dünenfähre durchhangelt (und die Augen aufmacht ;-).

Wieder ein Tag, warum auch nicht

Nein, es gibt nichts Besonderes zu berichten. Das Wetter ist unspektakulär, kein neuer Tratsch im Supermarkt oder auf der Arbeit.

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Dann steht man da, am Schloßgarten in Saarbrücken, auf dem Dach des Unperfekthauses in Essen oder am Falm auf Helgoland, sieht sich um und denkt an das Lied von Element Of Crime:

Wieder ein Tag
warum auch nicht
gestern war’n es noch Locken
und heute schon glattes Haar
ein Dosenfisch stürzt sich lachend ins off’ne Meer