Es ist Kitsch, aber

…es ist auch Alltag.

Das auch.

Das allerdings auch.

Inzwischen?

Ende April trugen die anreisenen Gäste plötzlich alle wieder schwarze Fetzenlederjacken, denn die “RockNRoll-Butterfahrt” war hier. Jede Menge Iro’s an der Landungsbrücke, sehr kuschelig irgendwie und eigentlich macht eine Frührentner-Delegation aus D******d potenziell mehr Dreck und Stress.

Manchmal (nicht jeden Tag) zähle ich kurz nach, wie lange es noch bis Christi Himmelfahrt ist. Da gibts in Hessen Schulferien.

Emotionale Bindungen zu Menschen auf dem Festland sind hier schwierig.

Licht an

Der Winter war lang. Laaang. Und trübe. Trüüübe. Auf dem Weg zur Bücherei mache ich ein Foto von meinem Schatten, einfach, weil ich mich nicht erinnern kann, wann ich zum letzten Mal einen Schatten geworfen habe. Muss irgendwann im November gewesen sein.

Aber seit zwei Tagen gibt es wieder dieses komische helle Ding am Himmel und zum Glück gehts dem Sommer entgegen ;-) .

Gerade rechtzeitig wohl auch für das Filmteam, das vor ein paar Tagen hier aufschlug, um einen Helgoland-Krimi zu drehen. Die haben allerdings vorsichtshalber ihr eigenes Licht mitgebracht. Sogar so viel, dass man es von meinem Fenster aus sehen kann.

Auf meinem Abendspaziergang bin ich dann doch neugierig, aber aus der Nähe sieht es natürlich so prosaisch aus wie alle anderen location shoots sonst auch.

Eine Menge Kabel, Scheinwerfer und Klimbim, Roadies und AssistentInnen, die gerade auf die harte Tour herausfinden, dass W*ll*nst**n-Jacken auf Helgoland nicht warmhalten.

Ich hab mal den Roman gelesen, der dem Drehbuch zugrunde liegt. Mit dem realen Helgoland hat er nicht wirklich was zu tun. Aber ich habe mir von gut informierten Fachfrauen sagen lassen, dass das beim Münster-Tatort auch nicht anders ist. So what.

War was?

Hmmm, ein ganz klares Jein. Ich war ein wenig blogfaul in den letzten paar Tagen.

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Aus irgendeinem Grund stehe ich in letzter Zeit meistens zu der Zeit auf, zu der ich früher üblicherweise ins Bett ging. Und, ach ja, die schicken Spaßyachten aus Hamburg sind wieder da. Die Saison ist angelaufen und sogar das Wetter hält sich an den Fahrplan.

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Klein-Sille vom Festland hatte gefragt, ob ich ihr nicht ein paar Old-School-Gummistiefel für die kommende Open-Air-Saison besorgen kann, weil, na klar, wir tragen ja nix Anderes hier im hohen Norden ;-) .

Tatsächlich kriegt man die hier bei den Offshore-Ausrüstern zum Schleuderpreis. Nur bei der gewünschten Schuhgröße mussten sich die Jungs erstmal vor Lachen hinsetzen: Nee, die müssen wir dir bestellen.

Hat dann aber auch geklappt. Gerade rechtzeitig zum Muttertag! Yippie!

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Ansonsten ist halt Sonntag. Und ein Sonnentag. Viele Menschen kommen vom Festland an, um sich durchlüften zu lassen, viele müssen wieder zurückfahren.

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In Helgolands Hinterhof, dem Südhafengebiet, in dem ich wohne, sonnt sich der Wildkohl zwischen Frachtcontainern und Bierfässern.

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Donald Tr*mp hin oder her, bis auf Weiteres bleibt dieser Planet bewohnbar.

There and back again

Letzte Woche war ich mal wieder auf dem Festland, die alten Freunde aus der WG im Ruhrpott besuchen. Wenn Alles glatt läuft, dauert es zehn Stunden, dorthin zu kommen (und Guggumaps kann die Route nur für Fußgänger und Fahrradfahrer berechnen ;-) .

Heul doch, du Nachwuchsinsulaner.

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Meine Leute auf dem Festland sind im Schnitt fünfzehn Jahre jünger als hier auf dem Felsen und haben seit dem letzten Besuch einige Kinder bekommen. Dadurch befaßt man sich auch mit ganz anderen Dingen, von diversen Bespaßungsfaxen bis zum Einkauf von Säuglingsbedarf.

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Ein heißer Tip: Wer von den Kassiererinnen im Drogeriemarkt mal ein sehr wohlwollendes Lächeln geschenkt bekommen möchte, sollte den Einkaufswagen mit Schnullern, Stilleinlagen und Windeln vollstapeln (Kuck, mal, der nette Opa).

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Es gibt – im Vergleich zum Felsen – riesengroße Wohnungen, Küchen mit Backofen und ich kann seit langer Zeit mal wieder ein paar Brote und Kuchen backen. Tadaaa, Süßkartoffelkuchen für Alle! Yippie!

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Dann war die Woche aber schon wieder vorbei und es wurde Zeit für die Rückreise. Dazu muß ich entweder einen Tag früher losfahren und in Cuxhaven übernachten oder – wie dieses Mal – um drei Uhr morgens den Zombie-Zug erreichen.

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Kurz gesagt: Zugverspätung, Anschluß verpaßt, Fähre weg. Die einzige Hoffnung, am Montag pünktlich zur Arbeit zu erscheinen, war der letzte Inselflieger am Sonntagnachmittag.

Ein Hinweis für Alle, die in diese Situation geraten: Sucht gar nicht erst nach einer Verkehrsverbindung zum Flughafen Cuxhaven-Nordholz, habt lieber genug Geld für ca. 30 Minuten Taxifahrt dabei.

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Als ich dann vom Flughafen Helgoland zur Dünenfähre stolperte, die die letzten 800 Meter zum Felsen überbrückt, war ich seit fünfzehn Stunden unterwegs. Ich regte mich nicht mal mehr auf, als ich beim Einsteigen in die Fähre mein Telefon in der Nordsee versenkte. Dachte ich.

Nun also Helgoland im Frühling. Die Welt ist gerade ein wenig weichgezeichnet.

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Außerdem sind in der vergangenen Woche noch diverse Drucker, Router und sonstiger elektronischer Klimbim im Hotel aus dem Takt geraten. Ließ sich aber Alles mit Hausmittelchen beheben.

Bei der letzten Gästeführung kommt plötzlich ein Insulaner zu mir herüber, sagt:

“Willst du nicht mal dein Handy wiederhaben?”

“Aber – aber – aber das ist mir doch ins Meer gefallen?”

“Jo. Und ich bin Angler.”

Dann drückt er mir das Telefon in die Hand und geht weiter, bevor ich mich noch richtig bedanken kann. Das angeblich wasserdichte Handy ist auch wirklich heil geblieben.

Da weiß ich wieder, warum ich immer noch hier bleiben möchte.

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(Aus: Der Helgoländer, 1/2011)

Cowboys

Die Wintersaison ist im Anmarsch und die ersten Geschäfte motten sich bis zum Frühjahr ein. So auch die “Bunte Kuh“, ein putziges Eß- und Trinklokal am Binnenhafen.

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Vorher ist aber noch die bunte Kuh der “Bunten Kuh” renoviert und frisch lackiert worden. Die Helgoländer Cowboys helfen beim Aufstellen; die Jungs von der Helikopterstation der Marine mit einer Elektrokarre und einer der Schiffsausrüster mit dem Gabelstapler. Etwas improvisiert, klappt aber.

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Vor einem Jahr etwa erzählte mir ein Besucher, daß er es albern finde, wie hier der Name des Hanseschiffes benutzt wird, das die Freibeuter Klaus Störtebeker und Gödeke Michels vor Helgoland stellte und gefangen nahm. Na jaaa. Vielleicht war es ja der Vater einer der vielen Gästekinder, auf die die bunte Kuh an der “Bunten Kuh” eine ähnliche Wirkung hat wie das Zuckerzeugregal an der Supermarkt-Kasse ;-) .

Stille

Mit der Stille ist es hier so eine Sache, wenn der Südwestwind um den Felsen heult. Aber manchmal wird es hier selbst im Winter ganz still.

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Und sähe es nicht wirklich so aus, müßte man eigentlich von fürchterlichem Kitsch sprechen.

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Aber dafür gibts halt auch kein schwedisches Möbelhaus ;-). Das liegt irgendwo ein paar Kilometer hinter diesem roten Geleuchte.

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Weihnachten Nr. 53

Tja, mal wieder dieser Tag. Der Tag, an dem viele Menschen ihr Leben, ihre Wirklichkeit an einem eventuell übersteigerten, medial hochgekitschten Heile-Welt-Ideal messen. Das kann anstrengend sein oder auch enttäuschend.

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Glücklicherweise bleibt man hier auf der Insel (neben vielen anderen zeitgeistigen Unfällen) von der zweimonatigen Vorweihnachts-Hirnmassage weitgehend verschont. Ich tue, was ich sonst auch oft tue, laufe Richtung Norden zur langen Anna, zurück am Leuchtturm vorbei und schaue hinunter ins Dorf.

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Auf der Berliner Treppe biedert sich eine dreifarbige Katze an. Ja ja, meine Liebe, wenn du bloß nicht so komische Eßgewohnheiten hättest!

Ich denke an abwesende Freunde, die jetzt an wärmeren Stränden sitzen. Das läßt sich nicht ganz vermeiden.

Und hey, Leute, worum geht es denn heute – wenn überhaupt? Jaaahah, ich weiß, dieser ganze Kram gilt inzwischen als uncool bis politisch unkorrekt, aber die Geschichte dreht sich doch eigentlich um eine Patchwork-Familie mit Migrationshintergrund und am Rande der Obdachlosigkeit:

Verheiratet sind sie ja nicht und sie ist zwar hochschwanger, aber das Kind ist nicht von ihrem aktuellen Freund. Überhaupt ist das so eine mysteriöse Angelegenheit mit dem Vater. Und aufgrund von Buchungs- und Reservierungsproblemen kommt das Kind dann in der Hotelgarage zur Welt. Und das ist die Form (sagt die Legende), die der Erlöser der Welt sich ausgesucht hat, um zu uns zu kommen.

Ich gehe nach Hause, mache eine Suppe warm und lese was. Ein Mittwoch, und nicht einer der schlimmsten, die ich hatte ;-).