Menschen, Schiffe und Inseln

Es ist Urlaubssaison, Menschen kommen und gehen. Keine Ausrede, mit denen anders umzugehen als mit den wenigen, die sich im Winter hierher verirren.

Manchmal sind es zwanzig Leute auf einmal. Manchmal nur einer. Untergrenzen hat mein Brötchengeber zum zum Glück nicht, aber natürlich kommuniziert man mit einem Individuum auch anders als mit einem Kegelklub.

Vor zwei Jahren war ich mit einer alten Dame hier unterwegs, die schon länger auf dem Felsen Urlaub machte, als ich überhaupt am Leben bin. Aber es war ihr erster Besuch ohne ihren Ehemann, der ein paar Monate zuvor gestorben war. Da habe ich nach fünf Minuten das Programm in die Tasche gesteckt und einfach mal zugehört. War eine gute Idee.

Kleine Gruppen können auf eine andere Art schwierig sein. Manchmal steht man einem Menschen gegenüber, der einem eigentlich eine eigene Geschichte erzählen möchte (warum reisen Leute zu entlegenen Inseln, hä?).

Das kuckt dann aus den Augen und da kann die Grenze zwischen Professionalität und Herzlosigkeit hauchdünn werden.

Aber egal, am nächsten Tag reisen sie sowieso wieder ab. Ein kleiner Teil der Inselgeschichte geht vielleicht, hoffentlich, mit ihnen zurück.

Und ich bleibe hier, einfach weil sowieso und weil Fe am nächsten Wochenende hierher kommt.

An der Aade

Gestern hat die Sommersaison offiziell wieder begonnen und in den vergangenen Tagen galt es noch eine ganze Menge Vorbereitungen in letzter Minute zu treffen. Ich merke, dass ich entweder ganz schön verwöhnt bin von der Helgoländer Gangart – oder einfach zwanzig Jahre älter als damals, als gelegentliche Schübe von Holterdipolter im Berufsleben viel normaler erschienen und manchmal sogar richtig toll.

Irgendwie ist dann doch noch alles rechtzeitig fertig geworden und gut über die Bühne gegangen. Und heute fahre ich mit Fe, die zu Besuch hier ist, zur Düne hinüber. 

Morgens schien noch die Sonne und meine Glatze strahlt in lustigem Rot. Ich muss nämlich allmählich aufhören, die sonst allgegenwärtige Mütze zu tragen. Sonst kann ich die den ganzen Sommer nicht mehr abnehmen wegen des Helgoländer Bikinistreifens. Der verläuft allerdings so eher in Höhe der Augenbrauen und aufwärts ;-) .

Inzwischen hat sich der Himmel wieder zugezogen und alles erstrahlt Grau in Grau. Im Ernst. Wahrscheinlich kann man das garnicht fotografieren. Auf den ersten Blick sieht alles grau aus. Aber anders, von innen heraus leuchtend. Ist wie HDR hier , nur ohne HDR, hat mir mal ein Fotograf gesagt. Was immer das bedeuten mag.

Ansonsten passiert erstmal nicht soviel. 

An der Aade setzen wir uns an den groben Kiesstrand, dort, wo die Stürme der vergangenen zehn, zwanzig Jahre auf der Ostseite den Sandstrand fortgerissen haben. 

Die Wellen klingen hier ganz anders, mehr so Ssss-ploff als Rausch-rausch.

Wir gucken und reden und reden und gucken und eine Weile lang passiert wieder nicht viel. 

Dann kriegen wir Besuch.

Normalerweise kommen die Robben nicht an die Aade. Würde ich auch nicht, wenn ich mit dem Bauch über den Strandkies hoppeln müsste.

Aber das hier ist wohl eine Robben-Teeniebratze und Mama hat das schon tau-send-mal erklärt, dass man nicht an die Aade gehen soll. Pah!

Eigentlich gilt die Regel, dass man weggehen soll, wenn die Robben aus Neugier näher kommen. Aber bevor wir unseren Krempel einsammeln können, ist die Bratze schon wieder abgebogen und in den Dünen verschwunden. 

Dann sind wir wohl kurz eingenickt am Strand. Als wir aufwachen, ist es ganz schön frisch geworden und fröstelnd gehen wir am Südstrand zurück zur Fähre.

Was wir geredet haben? Ach je, das Licht, das Wetter, das Kommen und Gehen des Lebens und der Liebe, ob es grausam ist, einem Atheisten zu sagen, dass man den Tod nicht fürchtet. Strandzeugs halt.

Drei

Das dritte Silvester auf dem Felsen. Vor zwei Jahren wurde ich von Gästen auf dem Heimweg in deren Party hereingezerrt und zerschellte an einem Killer-Caipirinha. Spontaner Sprachverlust in 15 Minuten. Hm.

Vor einem Jahr stand ich ganz unzeremoniell oben an der Steilklippe, prostete der Nordsee mit einem Handbier zu und ging wieder nach Hause. Da hätte ich noch superkomplizierte Fremdwörter aussprechen können. Es war aber keiner da, der sie hätte hören wollen. Tja.

Heute haben wir lecker Falafel gemacht und uns dann – leicht überfuttert – mal kurz hingelegt. Die Macht des Falafel war größer als die des Weckers. Also warf uns das Feuerwerk um 00:01 Uhr aus dem Bett. So geht’s natürlich auch ;-) .

Zum Glück wohne ich ja mit Seeblick.

Gernegroß

Als ich noch klein war, kam ich mir groß vor. Ein verständlicher Irrtum, denn mit vierzehn Jahren war ich schon einen Meter achtzig lang, aber mein Leben war noch ziemlich kurz. Und ich las dicke Bücher, von Huxley und Nietzsche, Frisch und Dürrenmatt, weil ich dachte, dann ginge es schneller.

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Inzwischen sind nur noch wenige Zentimeter dazugekommen, aber eine Menge Jahre. Und ich weiß, wie klein ich in Wirklichkeit bin (zwischen den Häusern der Städte war ich nie klein, nur mickrig ;-) .

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Eines Tages werde ich wirklich groß sein, so groß wie die ganze Welt. So groß, daß ihr mich nicht mehr sehen könnt.

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Das sollte euch dann bitte nicht traurig machen.

So sieht’s aus

Nachrichten vom Festland, die Guten zuerst:

Die Kiste mit den Büchern aus Österreich ist angekommen und ich bin jetzt stolzer Besitzer der fantastischen, komplett neu übersetzten und bearbeiteten Werkausgabe von James Tiptree, Jr. Sehr sehr gute Arbeit, liebe Leute vom Septime-Verlag!

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Dann ist da aber mein alter Freund aus der Achtziger-WG, wie ich von den Jahrzehnten geschüttelt und gerührt, er jedoch nahezu unzerstörbar. Seit Jahren mache ich mir weniger Gedanken um ihn, denn ich weiß, daß er nun endlich bei der Frau-für-immer angekommen ist.

Telefon: Seit vorgestern ist er Witwer. Und ich Esel renne immer noch hier herum und verschleiße Sauerstoff.

Was soll das?, schreie ich an der Westklippe in den Wind.

Dieses selbstzerstörerische Aufbegehren wie damals, als zum ersten Mal einer zu früh starb. Ich dachte, ich hätte dazugelernt.

Der Weg

Sonntags ist mein arbeitsfreier Tag, aber nachmittags habe ich trotzdem einen Termin, um einer netten älteren Dame zu erklären, warum wir gerne an ihrem Balkongeländer eine Freifunk-Antenne montieren möchten. Sie wohnt nämlich am oberen Ende der Steilklippe mit einer super Sichtlinie auf die Router im Unterland.

Tatsächlich reden wir auch ein wenig über Freifunk, verzetteln uns dabei aber andauernd zu ganz anderen Themen: Dieser merkwürdige Felsen, diese merkwürdige Welt, dieses merkwürdige Leben. Als sie zum ersten Mal hierher kam, krabbelte ich noch auf allen Vieren.

Danach gehe ich über das Oberland. Warum, ich weiß es nicht. Vor und hinter mir verschwimmt der Weg im Nebel. Weitergehen, bitte weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen, scheint die Welt zu sagen.

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Der Leuchtturm ist nahezu unsichtbar und die Kraterlandschaft des Oberlandes könnte man mit etwas gutem Willen für sanft geschwungene Hügel halten.

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Hinter der Langen Anna verschwindet die Nordmole des nie vollendeten Hummerschere-Hafens im Nichts.

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An der Radarstation schauen Reste der alten Nazibunker unter der Grasnarbe hervor.

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Hier endet der Weg an der ehemaligen Aussichtsplattform, die im vor-vorigen Dezember in die Nordsee stürzte; ich stehe da im Wind und frage mich, wie ich hierher gekommen bin und was dieser Ort für mich bedeutet. (Und sorry, sorry, ich verrate es an dieser Stelle nicht.)

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Auf dem Rückweg sehe ich hinunter zum Nordost-Strand. Jemand hat ein großes Herz für Eva auf den Strand gezeichnet.

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In spätestens sieben Stunden wird die Flut es wieder mit sich nehmen, aber jetzt lächle ich und denke: Herzlichen Glückwunsch, Eva, wer immer du auch bist.

Herbstspaziergang

Alle Besucher fahren ‘rüber zur Düne, wegen den Robben und, naja, den Dünen und überhaupt. Ich war schon seit August nicht mehr da. Ein Freund aus Berlin hat mir mal erzählt, daß man dort nach den ersten paar Monaten in der Megastadt kaum noch seinen Kiez verläßt. Irgendwie ist das hier auch nicht anders.

Eigentlich bin ich auch aus einem anderen Grund hier: Ich denke mir gerade Fragen für die Helgoländer Schatzsuche aus, eine Mischung aus Schnitzeljagd, Geocaching und Helgoland-Quiz. Also dann: Wieviele rote Häuser gibt es im Bungalowdorf auf der Düne? Und warum kann man die Hausnummern 2 und 4 nicht mieten?

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Ach so ;-) .

Ich gehe weiter, am Südstrand, entlang. Keine Badegäste mehr bei diesem Wind, nur ein Wegweiser im Sand, der auch bald verschwunden sein wird.

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Wo zeigt der bloß hin? Nun ja, im Zweifelsfalle nach Dänemark.

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Am südöstlichen Ende der Düne hat der letzte Sturm den Seetang zu meterhohen Wällen aufgeworfen und plötzlich stehe ich ungewollt in der Chillout-Area einiger Robben-Teenager.

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Uups, sorry Leute, bin schon wieder weg. Beachtet mich einfach nicht ;-) .

Im Osten der Düne ist ein rauer Kiesstrand. Und das ist auch gut so, denn wer hier baden geht, schwimmt höchstwahrscheinlich bis nach Büsum. Allerdings mit dem Bauch nach oben.

In den letzten zwei Wintern hat sich das Meer gefährlich nahe an die Rollbahn des Flughafens herangearbeitet.

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Ein paar Vogelbeobachter stehen am Strand wie ein Aktenvermerk Gottes. Plötzlich muß ich an Bilder von René Magritte denken.

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Am Nordstrand habe ich glücklicherweise den Wind im Rücken.

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Für die Helgoländer gibt es kein buntes Laub in dieser Zeit und der Herbst riecht auch anders, nach Sand und Salz.

Ach so: Wieviele rote Häuser gibt es denn nun im Bungalowdorf? Tja. Sorry. Betriebsgeheimnis ;-) .