Komplimente

Im Sommer gibt es für die Gäste ein wenig mehr Kultur, denn wegen des Duty-Free-Klamauks allein würden wohl nicht mehr so viele Leute hierher kommen.

Neulich habe ich für eine Künstlerin aus Sankt Petersburg den local Roadie gemacht (Insulaner tendieren dazu, Multitalente zu sein ;-) und beim Abbau fragte sie mich, ob ich eigentlich Deutscher sei.

Hu?

Na ja, weil ich immer so helpful bin, aber auch so self-restrained, like a british person.

Ich hab zwar einen deutschen Personalausweis, aber trotzdem fühlte ich mich irgendwie geschmeichelt. Yippie!

Andererseits, das soll jetzt was Besonderes sein? Örks.

Hin und Her

Heute waren wieder beide Termine komplett ausgebucht. Das ist dann gar nicht so einfach mit der Lautstärke, wenn bei zwanzig Menschen die in der hintersten Reihe noch etwas mitkriegen sollen, ohne dass denen ganz vorne die Trommelfelle wegfliegen.

Scheint aber geklappt zu haben. So albern es klingt, nach all den Jahren als Gästeführer freue ich mich immer noch wie ein kleiner Junge, wenn die Leute am Ende ein wenig klatschen oder sagen, dass die Tour besser war als sie erwartet hatten. Klar, ich würde für Irgendwie-Ok-Gästeführungen das gleiche Geld kriegen, aber wem soll das denn Spaß machen? Auch mal ganz egoistisch betrachtet ;-) .

Jedenfalls laufe ich auf dem Heimweg über die Westseite. Ein Umweg, aber da war ich schon seit Tagen nicht mehr. Ehrlich gesagt war ich auch schon seit einem Monat nicht mehr an der Langen Anna. Komisch, aber andererseits… fragt mal einen Bürger der Stadt Paris, wann er zuletzt auf dem Eiffelturm war.

Plötzlich wird mir wieder bewusst, dass der Winter wohl jetzt-endlich-wirklich vorbei ist. Seit zwei Wochen keine langen Unterhosen mehr (wer wollte das jetzt eigentlich so genau wissen?) und die Sonne wärmt zwar nur ein wenig, sieht aber schon irgendwie anders aus.

Über und unter mir geschieht gerade die nachmittägliche Helgoländer Rush Hour. Der Marine-Hubschrauber kehrt von der Patrouille zurück und landet 200 Meter hinter meinem Küchenfenster (da klingelt jetzt leise das Geschirr im Schrank).

Dann legt das Schiff  mit heiserem Getute ab (bald werden es wieder fünf Schiffe sein) und kurz danach kehrt der kleine Charter-Hubschrauber der Offshore-Leute aus dem Windpark zurück.

Ebenso im Osten eines der CTVs und die Dünenfähre fährt jetzt auch schon bis 18 Uhr anstatt 16 Uhr wie im Winter. Das reinste Verkehrschaos ;-) .

Über mir ertönt ein heiseres Nachbrenner-Röhren und mit Mühe erkenne ich das winzige silberne Delta eines Düsenjägers. Die Marineflieger benutzen Helgoland gerne als Wendemarke bei Übungsflügen. Meine Kamera kann das nicht mehr erkennen, aber ich schwöre euch, da oben sitzt jetzt gerade ein Mensch in seinen G-Suit eingeschnürt und versucht, in der Kurve nicht das Bewusstsein zu verlieren.

Was für eigenartige Wesen wir doch sind: So emsig, so erfindungsreich und irgendwie doch ganz schön albern dabei.

Noch zwei Wochen bis zum Saison-Beginn. Und Fe kommt hierher. Yippie!

September. Noch.

Was inzwischen geschah: Es war August. Es wurde September.

Der Herbst feuerte dem Sommer ein, zwei Warnschüsse vor den Bug.

Dann kam die Sonne wieder zurück, der Himmel ist wieder postkartenblau, die weissen Schiffe liegen auf der Reede und der Felsen blüht und grünt aus allen Knopflöchern.

Gut gelaunte Gäste, dem Treiben auf dem Festland entronnen. Manche sagen, dass sie mich ein wenig beneiden (aber doch den Sprung an so einen seltsamen Wohnort scheuen).

Aber da ist auch eine leise Stimme, die immer wieder flüstert: Noch.

Noch scheint die Sonne, noch kämpft sich die tapfere Dünenfähre alle 30 Minuten durch die Passage zur Landungsbrücke.

Aber die ersten KollegInnen in den Hotels und Restaurants zählen mir schon die Tage ab, bis sie für die Wintersaison in die Urlaubsorte in den Skigebieten umziehen.

Ich bleibe hier und zähle auch die Tage, sage ebenfalls: Noch.

Noch vier Wochen, bis Fe wieder hierher kommt. Eigentlich hatte ich ja den Plan, allein zu bleiben, auf diesem Felsen, wo das Risiko ungeplanter emotionaler Verwicklungen so gering ist wie nur möglich.

Ich glaube, ich brauche einen neuen Plan.

Back to the garden

Da war ich.

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Und dann fuhr ich wieder zurück.

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Ok, ok, ok.

Das Herzberg-Festival ist, anders als die Fusion, mehr so eine Althippie-Veranstaltung.

Hier fragen am Bierstand die Leute neben dir andauernd: “Warst du nicht vor mir dran?” Noch am dritten Tag kann man die Dixiklos ohne Schutzanzug benutzen. Wenn das nicht von wahrer Liebe zeugt ;-) !

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Es gab viele, ungewohnt offene, freie Unterhaltungen mit bis dahin völlig Fremden und, sorry, lieber Felsen, aber deine Bewohner sind da doch viel zurückhaltender. Ich hab sogar eine etwas komplizierte Theorie, inwiefern das mit der Insellage zu tun hat, aber ich verrate sie nicht ;-) .

Ach so, Musik gab es auch. Tolle. Yippie!

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Tja, und nun bin ich wieder zurück. Es gibt eine Menge zu tun, die Saison läuft auf Hochtouren, meine Gäste sind trotz holpriger See und Wetterlage gut drauf. Läuft.

Aber es fehlt auch was. Das Gefühl hatte ich hier noch nie.

 

War was?

Hmmm, ein ganz klares Jein. Ich war ein wenig blogfaul in den letzten paar Tagen.

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Aus irgendeinem Grund stehe ich in letzter Zeit meistens zu der Zeit auf, zu der ich früher üblicherweise ins Bett ging. Und, ach ja, die schicken Spaßyachten aus Hamburg sind wieder da. Die Saison ist angelaufen und sogar das Wetter hält sich an den Fahrplan.

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Klein-Sille vom Festland hatte gefragt, ob ich ihr nicht ein paar Old-School-Gummistiefel für die kommende Open-Air-Saison besorgen kann, weil, na klar, wir tragen ja nix Anderes hier im hohen Norden ;-) .

Tatsächlich kriegt man die hier bei den Offshore-Ausrüstern zum Schleuderpreis. Nur bei der gewünschten Schuhgröße mussten sich die Jungs erstmal vor Lachen hinsetzen: Nee, die müssen wir dir bestellen.

Hat dann aber auch geklappt. Gerade rechtzeitig zum Muttertag! Yippie!

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Ansonsten ist halt Sonntag. Und ein Sonnentag. Viele Menschen kommen vom Festland an, um sich durchlüften zu lassen, viele müssen wieder zurückfahren.

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In Helgolands Hinterhof, dem Südhafengebiet, in dem ich wohne, sonnt sich der Wildkohl zwischen Frachtcontainern und Bierfässern.

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Donald Tr*mp hin oder her, bis auf Weiteres bleibt dieser Planet bewohnbar.

There and back again

Letzte Woche war ich mal wieder auf dem Festland, die alten Freunde aus der WG im Ruhrpott besuchen. Wenn Alles glatt läuft, dauert es zehn Stunden, dorthin zu kommen (und Guggumaps kann die Route nur für Fußgänger und Fahrradfahrer berechnen ;-) .

Heul doch, du Nachwuchsinsulaner.

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Meine Leute auf dem Festland sind im Schnitt fünfzehn Jahre jünger als hier auf dem Felsen und haben seit dem letzten Besuch einige Kinder bekommen. Dadurch befaßt man sich auch mit ganz anderen Dingen, von diversen Bespaßungsfaxen bis zum Einkauf von Säuglingsbedarf.

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Ein heißer Tip: Wer von den Kassiererinnen im Drogeriemarkt mal ein sehr wohlwollendes Lächeln geschenkt bekommen möchte, sollte den Einkaufswagen mit Schnullern, Stilleinlagen und Windeln vollstapeln (Kuck, mal, der nette Opa).

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Es gibt – im Vergleich zum Felsen – riesengroße Wohnungen, Küchen mit Backofen und ich kann seit langer Zeit mal wieder ein paar Brote und Kuchen backen. Tadaaa, Süßkartoffelkuchen für Alle! Yippie!

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Dann war die Woche aber schon wieder vorbei und es wurde Zeit für die Rückreise. Dazu muß ich entweder einen Tag früher losfahren und in Cuxhaven übernachten oder – wie dieses Mal – um drei Uhr morgens den Zombie-Zug erreichen.

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Kurz gesagt: Zugverspätung, Anschluß verpaßt, Fähre weg. Die einzige Hoffnung, am Montag pünktlich zur Arbeit zu erscheinen, war der letzte Inselflieger am Sonntagnachmittag.

Ein Hinweis für Alle, die in diese Situation geraten: Sucht gar nicht erst nach einer Verkehrsverbindung zum Flughafen Cuxhaven-Nordholz, habt lieber genug Geld für ca. 30 Minuten Taxifahrt dabei.

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Als ich dann vom Flughafen Helgoland zur Dünenfähre stolperte, die die letzten 800 Meter zum Felsen überbrückt, war ich seit fünfzehn Stunden unterwegs. Ich regte mich nicht mal mehr auf, als ich beim Einsteigen in die Fähre mein Telefon in der Nordsee versenkte. Dachte ich.

Nun also Helgoland im Frühling. Die Welt ist gerade ein wenig weichgezeichnet.

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Außerdem sind in der vergangenen Woche noch diverse Drucker, Router und sonstiger elektronischer Klimbim im Hotel aus dem Takt geraten. Ließ sich aber Alles mit Hausmittelchen beheben.

Bei der letzten Gästeführung kommt plötzlich ein Insulaner zu mir herüber, sagt:

“Willst du nicht mal dein Handy wiederhaben?”

“Aber – aber – aber das ist mir doch ins Meer gefallen?”

“Jo. Und ich bin Angler.”

Dann drückt er mir das Telefon in die Hand und geht weiter, bevor ich mich noch richtig bedanken kann. Das angeblich wasserdichte Handy ist auch wirklich heil geblieben.

Da weiß ich wieder, warum ich immer noch hier bleiben möchte.

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(Aus: Der Helgoländer, 1/2011)

Theater

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Das Wetter torkelt seit drei Tagen ziemlich haltlos zwischen Hagelsturm und man-könnte-fast-die-Jacke-ausziehen-Sonne hin und her. Großes Theater am Horizont.

Außerdem ist noch auf dem Festland ein kleines Mädchen geboren worden. Das ist doch mal was Anderes als dieses Rumgesterbe in letzter Zeit! Yippie!