Singt mir die Namen skandinavischer Seeleute

Heute morgen fahre ich vom Arzttermin zurück zum Felsen. Der Wind hat ein wenig aufgefrischt und im Hotel hab ich noch schnell auf der Webseite des BSH zum Seegang nachgesschaut. Oh-oh, zweieinhalb bis drei Meter Wellenhöhe und das auf der guten alten Funny Girl.

An Bord ist gute Stimmung, die ersten Piccolos werden geköpft, bevor wir überhaupt den Hafen verlassen haben. Als wir Neuwerk passieren, beginnt das alte Mädchen, deutlich zu stampfen und die ersten Berg- und Talfahrten werden noch mit Juhu und Jaha bejubelt.

Gelegentlich muss der Käptn aber auch beidrehen, weil wir sonst in Schottland ankommen würden anstatt auf Helgoland. Dann beginnt das Schiff zusätzlich zu rollen, es wird nach und nach immer stiller an Bord und bald singt der eine oder andere Passagier die Namen skandinavischer Seeleute (Sööören! ;-).

Aber die Crew kennt das natürlich schon, scheucht alle Amateur-Seebären auf ihre Sitzplätze zurück und jeder, der nicht ein Bier in der Hand oder wenigstens ein albernes Grinsen im Gesicht hat, wird großzügig mit Küchenrollen und Spucktüten beschenkt.

Ist angeboren, sagt einer der Stewards, der früher mal mit Frachtschiffen in Atlantik und Pazifik unterwegs war. Der eine kriegts, der andere nicht. Muss man sich nix drauf einbilden.

Herr Doktor

Ich muss zum Arzt. Klar, kann passieren und es gibt einige Ärzte auf dem Felsen. Manchmal müssen die aber mit ihren Kenntnissen passen. Dann geht’s zum Facharzt und der ist in Caxhuven Cuxhaven.

Und ich muss im Winter zum Arzt. Mittwochs fährt da kein Schiff, also stehe ich Donnerstags um Sieben am Südhafen, um mit der Funny Girl zum Festland zu reisen. Die Helgoland ist zum Saisonende im Wartungsdock, bevor die Grünkohl-Touristen kommen.

Keine Touristen an Bord, nur ein paar komatöse Offshore-Leute und Handwerker (plus drei Helgoländer, die alle zum Arzt müssen ;-). Wer auf dem Festland schon mal aus Termingründen um vier Uhr morgens in einen Fernzug gestiegen ist weiss, was ich meine.

Die Funny Girl ist eine Veteranin in der deutschen Bucht. Kein pastellfarbener Wohlfühl-Schnickschnack wie auf der Helgoland.

Um Zehn sind wir in Cuxhaven. Die Arztpraxis in Cux sieht ein wenig so aus, als hätten schon Generationen von Seeleuten ihre Berufskrankheiten dort kurieren lassen. Egal, ich bin nicht hier, um mir schicke Möbel anzukucken.

Funktioniert aber wie geölt und nach einer Stunde bin ich etwa zehn Prozent schlauer und stehe  – etwas wackelig auf den Beinen – wieder auf der Straße (wenn Ärzte sagen “Bitte nüchtern”, meinen sie nicht nur “Ohne Frühstücksbier”, sondern auch “Ohne Frühstück, nee, Kaffee auch nicht”).

Noch 22,5 Stunden, bis mein Schiff wieder zurückfährt. Super.

Ach Cuxhaven, Perle des Norddeichs. Eigentlich bist du ja ganz ok und wenn du eine Reeperbahn hättest, würde ich da genau so verpeilt herumstehen wie am Fischereihafen.

Du bist ein bisschen wie Bottrop. Nur mehr Fisch. Ab man’s glaubt oder nicht, ich mag Bottrop. War da mal super Kaffee trinken.

Manche Sachen sind trotzdem komisch. Cuxhaven leidet – wie fast alle Städte auf dem Festland – nach Sonnenuntergang unter Natriumdampflichtgelbsucht. Mein Kamerasensor sieht das schon richtig.

Die vielen Autos, die um einen herumfahren, riechen nur ganz schwach nach Igitt. Muss der Fortschritt sein.

Aber diese Blechhalden? In den Augen eines Festländers mag das aussehen wie ein Supermarktparkplatz, in meinen Augen sieht es aus wie eine illegale Sondermülldeponie. Wer hat das denn erlaubt?

Nach ein paar Tagen würde ich mich natürlich auch wieder daran gewöhnen.

Vielleicht will ich deshalb nicht von diesem Felsen weg.

Krawall am Himmel

Tja, das war’s. Der Katamaran, der die Expressroute von Hamburg fährt, hat sich mit dem üblichen großen Getute bei der letzten Abfahrt in die Winterpause verabschiedet.

Jetzt fährt nur noch die Helgoland an fünf Tagen pro Woche nach Cuxhaven, zweimal bleibt sie als schwimmendes Restaurant für die Wintergäste über Nacht im Südhafen.

Es wird still, sehr still auf dem Felsen und man kann fast das leise Knarren hören, mit dem die Bürgersteige hochgeklappt werden ;-).

Die Bungalows auf der Düne werden für den Winter eingemottet und ich freue mich nachträglich um so mehr, dass ich in der vergangenen Woche noch ein paar Tage mit liebem Besuch vom Festland dort verbracht habe.

Überhaupt gibt es die eine oder andere Umarmung auf der Straße zur Zeit, man sagt “Bis im April” und “Lass dich nicht unterkriegen auf dem fiesen Festland”.

Und dann steht man da am Südhafen, wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel, aber das liegt eher am Wind als an irgendwelcher Sentimentalilät. Es ist mehr wie dieser Augenblick nach der großen Hausparty, wenn alle Gäste fort, alle Teller gespült und die Aschenbecher geleert sind und man denkt: So.

Und auf dem Weg nach Hause der Blick zum Krawall am Himmel.