Der Weg

Sonntags ist mein arbeitsfreier Tag, aber nachmittags habe ich trotzdem einen Termin, um einer netten älteren Dame zu erklären, warum wir gerne an ihrem Balkongeländer eine Freifunk-Antenne montieren möchten. Sie wohnt nämlich am oberen Ende der Steilklippe mit einer super Sichtlinie auf die Router im Unterland.

Tatsächlich reden wir auch ein wenig über Freifunk, verzetteln uns dabei aber andauernd zu ganz anderen Themen: Dieser merkwürdige Felsen, diese merkwürdige Welt, dieses merkwürdige Leben. Als sie zum ersten Mal hierher kam, krabbelte ich noch auf allen Vieren.

Danach gehe ich über das Oberland. Warum, ich weiß es nicht. Vor und hinter mir verschwimmt der Weg im Nebel. Weitergehen, bitte weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen, scheint die Welt zu sagen.

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Der Leuchtturm ist nahezu unsichtbar und die Kraterlandschaft des Oberlandes könnte man mit etwas gutem Willen für sanft geschwungene Hügel halten.

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Hinter der Langen Anna verschwindet die Nordmole des nie vollendeten Hummerschere-Hafens im Nichts.

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An der Radarstation schauen Reste der alten Nazibunker unter der Grasnarbe hervor.

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Hier endet der Weg an der ehemaligen Aussichtsplattform, die im vor-vorigen Dezember in die Nordsee stürzte; ich stehe da im Wind und frage mich, wie ich hierher gekommen bin und was dieser Ort für mich bedeutet. (Und sorry, sorry, ich verrate es an dieser Stelle nicht.)

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Auf dem Rückweg sehe ich hinunter zum Nordost-Strand. Jemand hat ein großes Herz für Eva auf den Strand gezeichnet.

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In spätestens sieben Stunden wird die Flut es wieder mit sich nehmen, aber jetzt lächle ich und denke: Herzlichen Glückwunsch, Eva, wer immer du auch bist.

Weihnachten Nr. 53

Tja, mal wieder dieser Tag. Der Tag, an dem viele Menschen ihr Leben, ihre Wirklichkeit an einem eventuell übersteigerten, medial hochgekitschten Heile-Welt-Ideal messen. Das kann anstrengend sein oder auch enttäuschend.

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Glücklicherweise bleibt man hier auf der Insel (neben vielen anderen zeitgeistigen Unfällen) von der zweimonatigen Vorweihnachts-Hirnmassage weitgehend verschont. Ich tue, was ich sonst auch oft tue, laufe Richtung Norden zur langen Anna, zurück am Leuchtturm vorbei und schaue hinunter ins Dorf.

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Auf der Berliner Treppe biedert sich eine dreifarbige Katze an. Ja ja, meine Liebe, wenn du bloß nicht so komische Eßgewohnheiten hättest!

Ich denke an abwesende Freunde, die jetzt an wärmeren Stränden sitzen. Das läßt sich nicht ganz vermeiden.

Und hey, Leute, worum geht es denn heute – wenn überhaupt? Jaaahah, ich weiß, dieser ganze Kram gilt inzwischen als uncool bis politisch unkorrekt, aber die Geschichte dreht sich doch eigentlich um eine Patchwork-Familie mit Migrationshintergrund und am Rande der Obdachlosigkeit:

Verheiratet sind sie ja nicht und sie ist zwar hochschwanger, aber das Kind ist nicht von ihrem aktuellen Freund. Überhaupt ist das so eine mysteriöse Angelegenheit mit dem Vater. Und aufgrund von Buchungs- und Reservierungsproblemen kommt das Kind dann in der Hotelgarage zur Welt. Und das ist die Form (sagt die Legende), die der Erlöser der Welt sich ausgesucht hat, um zu uns zu kommen.

Ich gehe nach Hause, mache eine Suppe warm und lese was. Ein Mittwoch, und nicht einer der schlimmsten, die ich hatte ;-).

Sonntag nachts auf Helgoland

Duty-Free-Shopper gibt es keine mehr, denn das Fährschiff (Singular!) kommt nur noch alle zwei Tage. Die Kneipen schließen um elf und sogar die Inseldisko (Singular!) hat Ruhetag.

Im Frachthafen kommen ein paar Offshore-Schrauber von der Nachtschicht zurück.

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Der Leuchtturm ist die letzte Lightshow für Zen-Mönche oder Langzeit-Gedächtnis-Geschädigte:

Oh, ein Licht!

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(Eins, zwei, drei, vier, fünf…)

Oh, ein Licht!