Der Unbeugsame

In Hamburg verbringe ich meine Tage in einem Kellerraum voller Briefe, Zeitungen und Büchern, die meisten davon aus einer Zeit vor meiner Geburt. Abends fahre ich ins Hotel, sehe meine Notizen durch und schlafe früh ein.

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Nur einen Abend lang bin ich Tourist, tue, was Touristen in Hamburg so tun. Schaue in den Elbtunnel hinein und laufe die Reeperbahn entlang, die mit ihrer Trostlosigkeit die Nacht erhellt.

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Gegenüber, auf der anderen Straßenseite läßt sich jemand partout nicht von einem scheinbar aussichtslosen Vorhaben abbringen.

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Das andere Rauschen (revisited)

Drei Wochen auf dem Festland gehen zu Ende. Schön wars, so viele Freunde wiederzusehen. Den Rest… den Rest könnt ihr behalten.

Das Gebrumme der Autos, der Züge und Klimaanlagen fällt mir schon fast nicht mehr auf. Etwas Anderes bleibt aber eigenartig. Überall steht irgendetwas geschrieben:

Hallo, blink, äh du, leucht, ich bin eine Nachricht, flimmer, beachte mich doch mal, entschlüssle mich, tu dies und das…

Manchmal ist das beunruhigend, wo es eigentlich beruhigend sein soll.

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Manchmal ist es auch einfach nur… rätselhaft.

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Klar gibt es auch auf dem Felsen Schilder, Wegweiser und sogar etwas Reklame. Nur von allem etwas weniger.

Ein Rauschen ganz anderer Art, nicht im Hörnerv, sondern im, äh, Lesenerv. Lesenerv, gibts sowas überhaupt?

In zweieinhalb Stunden geht das Schiff zurück.

Ruhrpott

Hier bin ich geboren, hier war das ein bißchen rätselhafte Land, wo man Onkels und Tanten besucht. Hier war die alte WG.

Lotte fängt mich schon am Bochumer Bahnhof ab, die Taschen wandern ins Schließfach und wir fahren weiter zur Jahrhunderthalle, wo gerade Element Of Crime aufspielt. In den meisten Liedern hat die Nordsee zumindest einen Gastauftritt, ich schaue mich in der Halle um und denke plötzlich: Hier sind fünfmal so viele Menschen, als auf dem kompletten Felsen leben.

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Am nächsten Tag gehe ich in Essen im Stadtgarten spazieren und lerne wieder, auf Knöpfe zu drücken, wenn ich plane, eine Straße zu überqueren. U-Bahn fahren kommt morgen dran ;-).

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Abends gehe ich in den Gruga-Park, der gerade durch Lichtskulpturen in eine surreale Farblandschaft verwandelt ist. Leider ist es kalt, sehr kalt im Märchenland, so daß ich nach wenigen Minuten doch immer wieder weiterziehen muß.

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Und ich treffe Menschen, Menschen, Menschen, eine ungewohnte Vielfalt, für die auf dem Felsen einfach zu wenig Leute leben. Hart rockende Wissenschaftler. Buddhistische Cellospieler. Hausbesetzer. Schwiegermütter. Ein sehr sympathischer, sehr junger Mann, der bei meinem letzten Festlandsaufenthalt noch gar nicht auf der Welt war. Seine Eltern, die jetzt plötzlich Eltern sind ;-).

Es schmerzt fast ein wenig, als ich auf dem Balkon stehe und über die Dächer der Stadt schaue, denn ich denke: Warum müßt ihr eigentlich unbedingt an einem Ort leben, an dem ich nicht mehr sein möchte?

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Aber irgendwas ist ja immer.

Saarbrücken

Hier hab ich mal richtig lange gelebt.

Heute morgen bin ich im Café Schrill (dem alten Hippiecafé aus den Achtzigern, damals noch das Café Jonas ¹) verabredet. Ich betrete das Schrill und kann mich kaum noch einkriegen vor Lachen.

Die wie immer unglaublich gutaussehenden Junghippiedamen hinterm Tresen schauen etwas verwirrt: Kommt ein Althippie rein und lacht sich erstmal kaputt.

Naja, es kommen ja öfters Psychiatriepatienten ins Schrill ;-). Ich habe aber eine super Ausrede.

Die Wirtin hat wohl in der Mottenkiste mit den Eighties-Konzertpostern sowie anderen Devotionalien gewühlt. Und mitten drin hängt die Werbung, die ich mal für das Café entworfen habe. Und ja, diese Anzeige war in der Zeitung ;-) !

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Vor dreißig Jahren. Dreißig Jahre!!! Ahhh!

¹) Also nach diesem, Dings, Althippie-Movie “Jonas, der im Jahr 2000 25 Jahre alt sein wird”. Ja, das Jahr 2000 lag in der Zukunft und war noch mysteriös weit weg ;-).

OFD 71

Der Flughafen Helgoland ist ein relativ ruhiger Ort, für einen Flughafen um so mehr. Am S-Bahnhof Gelsenkirchen-Nord ist meistens mehr los.

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Normalerweise habe ich da nichts zu suchen, heute aber warte ich auf mein Flugzeug. In den nächsten drei Wochen bin ich auf dem Festland, um ein paar alte Freunde wiederzusehen und Recherchen für meine Arbeit im kommenden Sommer zu betreiben.

Der Anflug auf die Helgoländer Piste ist nichts für Anfänger und setzt eine gesonderte Lizenz voraus, denn die Bahn ist nur 480 Meter lang. Und da kommt schon Flug 71 des Ostfriesischen Flug-Dienst, die ‘Emden’.

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Das Boarding ist schnell erledigt: Man stapelt sein Gerümpel auf eine Gepäckkarre und stopft es durch die Ladeklappe in den Stauraum hinter den Sitzen. Dann fädelt man sich nach und nach in die sechs Sitzplätze für die Fluggäste ein. Die Kabine einer Britten-Norman Islander kann man sich ungefähr so vorstellen wie die Stretch-Limo-Version eines klassischen VW-Käfers.

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Es gibt zwar kein Bordkino, aber auch so gibt es genug zu sehen.

Der Käpten schwingt sich in den Pilotensitz und beginnt die Pre-Flight-Prozedur: “Moin moin, herzlich willkommen an Bord. Schwimmwesten sind unter den Sitzen und in 20 Minuten sind wir in Bremerhaven. Oder 25 und dann paßt das.”

(Irgendwie finde ich das beruhigender als das Bordbegleiter-Gehampel in den diversen Airbussen.)

Dann startet er die Motoren, und dreht die Nase der ‘Emden’ Richtung Nordwest.

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Es wird ein wenig laut und das Ende der Startbahn ist prima zu erkennen. Der Strandhafer in den Dünen wiegt sich pittoresk im Wind und kommt immer näher, dann gibt es einen kleinen Ruck und wir sind in der Luft. Eine Großfamilie von Kegelrobben schaut zu uns rauf und formuliert schon mal einen Beschwerdebrief an die Gemeindeverwaltung.

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Dann: Wasser. Nordsee. Meer. Mehr Meer.

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Eine Viertelstunde später kommt schon das Festland in Sicht. Ich habe seit sieben Monaten nicht mehr soviel trockenes Land gesehen.

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Der Containerhafen in Bremerhaven sieht aus wie Goliaths Legokiste.

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Es wackelt ein bißchen, dann setzt die ‘Emden’ mit einem sanften Plumps auf.

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Das Entladen verläuft ähnlich zwanglos wie das Boarding. Heute will auch niemand wissen, wieviel zollfreie Schprittuosen wir dabei haben.

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Vor dem Flughafengebäude gehe ich am Taxistand vorbei und sehe mich um. Komisch siehts hier aus. Landstraße. Begrenzungspfosten. Autos. Überall Festland.

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Ich laufe die fünf Kilometer zum Bahnhof zu Fuß.