Kaputt

Irgendwie bin ich ein wenig kaputt.

Vorgestern kam das schlecht gelaunte Tier vorbei und brachte ein Gewitter mit. Hochseegewitter sind anders. Oft kommen sie aus dem Westen, haben schon ein paar hundert Kilometer über dem Meer hinter sich und sind dringend auf der Suche nach Krawall. Jegliche Andeutung von Bodenerhebung kommt da gerade recht.

Um 13 Uhr gab es einen Blitz und zwei gewaltige Donnerschläge auf dem Felsen. Am Telekom-Mast im Westen und der Abgasanlage in Nord-Ost war Elmsfeuer zu sehen und zehn Prozent der Helgoländer Telefone hörten auf, zu funktionieren.

Selbst Omas Bakelit-Phon auf Helgoland ist heute ein Endgerät in einem etwas arg aufgeputschten VoiceIP-Netzwerk. Ratet mal, wen die Leute fragen.

Irgendwie bin ich ein wenig kaputt.

Die Helgoländer Walkie-Talkies übrigens funktionieren einwandfrei.

PMR446/3.0 für den Flughafen, /7.5 für die Ornithologen und /5.23 für den Breakfast Club. Hört mal rein, wenn ihr in der Nähe seid ;-) .

Wartungstermin

Autos müssen alle paar zehntausend Kilometer zur Inspektion und mein Blutzucker alle drei Monate. Seezeichen auch, etwa einmal im Jahr, je nachdem, wo und wie sie den Kräften des Wetters und der Gezeiten ausgesetzt sind.

Die Kardinaltonnen östlich der Landungsbrücke haben es vergleichsweise gut. Trotzdem kommt heute die “Triton”, ein Arbeitsschiff der Küstenwache, um den Zustand der Tonne und der Ankerkette zu überprüfen.

Dazu muss das Ding aber erstmal aus dem Wasser gehievt werden.

Der Auftriebskörper wird mit einem Monsterdampfstrahler von Muschel- und Tangbewuchs gereinigt. Der führt nämlich unter anderem dazu, dass sich die Tonne im Seegang mehr bewegt und die Ankerkette schneller verschleisst.

Als ich noch ein kleines Mädchen war, lief im Kino mal ein Eastwood-Western mit dem Titel “Hängt ihn höher” (durfte ich damls natürlich nicht kucken ;-) .

An Bord wird die Tonne dann nochmal genauer auf Lecks und andere Beschädigungen untersucht. Zur Sicherheit ist auch eine Reservetonne mit an Bord.

Und danach geht es dann wieder zurück ins Wasser.

Das klingt wahrscheinlich alles nicht sooo aufregend. Es ist wahrscheinlich so spannend wie eine Großbaustelle auf dem Festland, an der gerade ein besonders sperriges Bauteil mit dem Autokran verladen wird. Da stehen dann ja auch immer ein paar Schulkinder, Pensionäre und Mittagspausen-Sachverständige herum und knipsen vor sich hin.

Es ist Kitsch, aber

…es ist auch Alltag.

Das auch.

Das allerdings auch.

Inzwischen?

Ende April trugen die anreisenen Gäste plötzlich alle wieder schwarze Fetzenlederjacken, denn die “RockNRoll-Butterfahrt” war hier. Jede Menge Iro’s an der Landungsbrücke, sehr kuschelig irgendwie und eigentlich macht eine Frührentner-Delegation aus D******d potenziell mehr Dreck und Stress.

Manchmal (nicht jeden Tag) zähle ich kurz nach, wie lange es noch bis Christi Himmelfahrt ist. Da gibts in Hessen Schulferien.

Emotionale Bindungen zu Menschen auf dem Festland sind hier schwierig.

September. Noch.

Was inzwischen geschah: Es war August. Es wurde September.

Der Herbst feuerte dem Sommer ein, zwei Warnschüsse vor den Bug.

Dann kam die Sonne wieder zurück, der Himmel ist wieder postkartenblau, die weissen Schiffe liegen auf der Reede und der Felsen blüht und grünt aus allen Knopflöchern.

Gut gelaunte Gäste, dem Treiben auf dem Festland entronnen. Manche sagen, dass sie mich ein wenig beneiden (aber doch den Sprung an so einen seltsamen Wohnort scheuen).

Aber da ist auch eine leise Stimme, die immer wieder flüstert: Noch.

Noch scheint die Sonne, noch kämpft sich die tapfere Dünenfähre alle 30 Minuten durch die Passage zur Landungsbrücke.

Aber die ersten KollegInnen in den Hotels und Restaurants zählen mir schon die Tage ab, bis sie für die Wintersaison in die Urlaubsorte in den Skigebieten umziehen.

Ich bleibe hier und zähle auch die Tage, sage ebenfalls: Noch.

Noch vier Wochen, bis Fe wieder hierher kommt. Eigentlich hatte ich ja den Plan, allein zu bleiben, auf diesem Felsen, wo das Risiko ungeplanter emotionaler Verwicklungen so gering ist wie nur möglich.

Ich glaube, ich brauche einen neuen Plan.

Anreisen, Abreisen (2)

Die Insulaner sind an An- und Abreisen gewohnt, ganz besonders im Sommer. 

Manche Menschen kommen mittags hier an, laufen einmal um die Insel herum zur Langen Anna, dann auf dem Rückweg durch die Duty-Free-Shops zurück zum Hafen. Und um 16 Uhr sind sie dann alle wieder weg.

Andere bleiben drei, vier Tage, fahren auch mal zur Düne rüber, die Robben und Seehunde besuchen. 

Dann glauben sie, alles Wichtige gesehen und erlebt zu haben. 1.800 mal 600 Meter Felsen, einmal auf dem längsten Weg außen herum laufen bedeutet fünf Kilometer, was soll da übrig sein? Hmmm…

Manche Gäste bleiben noch etwas länger. 

Und dann geht es doch wieder zurück, zum letzten Boot, das die Passagiere zu den Fährschiffen über setzt.”Macht mal hinne”, grummelt einer der Börteschiffer, “knutschen könnt ihr gleich immer noch.”

Nee, Kollege. Das ist ja das Problem. Ich bleibe hier. 

Dann hebt das letzte Schiff den Anker, eine halbe Stunde später ist die Reede wieder leer und es gibt einen Ort auf dem Felsen, an dem gestern noch jemand war. 

Und diesen Ort trage ich mit mir herum. Musik, bitte.

Back to the garden

Da war ich.

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Und dann fuhr ich wieder zurück.

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Ok, ok, ok.

Das Herzberg-Festival ist, anders als die Fusion, mehr so eine Althippie-Veranstaltung.

Hier fragen am Bierstand die Leute neben dir andauernd: “Warst du nicht vor mir dran?” Noch am dritten Tag kann man die Dixiklos ohne Schutzanzug benutzen. Wenn das nicht von wahrer Liebe zeugt ;-) !

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Es gab viele, ungewohnt offene, freie Unterhaltungen mit bis dahin völlig Fremden und, sorry, lieber Felsen, aber deine Bewohner sind da doch viel zurückhaltender. Ich hab sogar eine etwas komplizierte Theorie, inwiefern das mit der Insellage zu tun hat, aber ich verrate sie nicht ;-) .

Ach so, Musik gab es auch. Tolle. Yippie!

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Tja, und nun bin ich wieder zurück. Es gibt eine Menge zu tun, die Saison läuft auf Hochtouren, meine Gäste sind trotz holpriger See und Wetterlage gut drauf. Läuft.

Aber es fehlt auch was. Das Gefühl hatte ich hier noch nie.

 

Spaziergang am Rand der Welt

Gestern morgen hat es in einer Stunde 40 Liter pro Quadratmeter geregnet. Das macht hier aber nichts, die Helgoländer Häuser sind für sowas gebaut. Als dann die Sonne wieder zum Vorschein kam, versank erstmal der Rest der Welt im Nebel.

Nächste Woche bekomme ich Besuch und deswegen laufe ich zur Jugendherberge, um ein Zimmer zu reservieren. An der Ostmole spazieren ein paar Zweibeiner am Rande des Nichts entlang.

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Danach sitze ich am Nordoststrand. Ein Seehund betrachtet mißtrauisch eine Entenfamilie. Wer weiß, ob die nicht den ganzen Fisch wegfressen?

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Dann klettere ich ins Oberland hinauf. Am Brutfelsen ist wieder ein Riesenkrakeel von Hunderten von Lummen und Tölpeln und es riecht recht würzig, ein bißchen nach Fisch und Vogelmist. Oben an der Felskante stehen die Zweibeiner mit ihren Tele-Objektiven und knipsen, was das Zeug hält. Mein Blick wandert vom Felswatt bis zum Horizont mit den Überseefrachtern auf dem Weg nach Hamburg.

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Heute haben wieder Gäste am Ende der Tour gefragt, wie man eigentlich auf die Idee kommt, hierher zu ziehen. Aber da habe ich inzwischen auch eine Antwort parat, die sogar zu einem überwiegenden Anteil auf wahren Begebenheiten beruht ;-) .

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Anreisen, Abreisen

Die Saison ist in vollem Gang. Mittags grollen die Rollkoffer unter meinem Fenster vorbei.

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Nachmittags ist dann der Spuk wieder vorbei und die Gäste steigen auf die Schiffe um.

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Auf diesem Bild unter Anderen eine sehr sympathische und gut aussehende Frau. Stundenlang haben wir uns sehr phantasievoll unterhalten.

Leider ist sie aber auch fest davon überzeugt, daß Chemtrails eine Weltverschwörung sind.

Och nee.

Örks.