Im Labyrinth der träumenden Bücher

Das ist der Titel eines Buches von Walter Moers, daß ich gerade lese. Passenderweise war ich heute in der Inselbücherei, um ein paar Bücher zurückzugeben.

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Die Bibliothekarin hatte mir vor einigen Wochen erzählt, daß es einen Plan gibt, die Regale weiter auseinander zu rücken, weil die Besucher nach ein paar Jahrzehnten McD**f-Eßkultur auf dem Festland nicht mehr so gut durch die Gänge passen.

(Nein, es gibt kein goldenes M auf dem Felsen. Toll, nicht wahr? ;-)

Inzwischen hat sich aber herausgestellt, daß die Regale vor langer Zeit als eine Art Gesamtkunstwerk gebaut wurden. Die “Just do it”-Methode ist dadurch nicht mehr empfehlsam, denn ansonsten könnte es passieren, daß die angrenzenden Regale dabei einstürzen.

Also bitte noch etwas Geduld. Ehrlich gesagt: Wenn man sich mit den anderen Besuchern ein wenig abspricht, ist das nicht wirklich ein Problem.

Casino

Nach dem zweiten Weltkrieg war das Schicksal des Felsens sehr ungewiß. Zwischen 1945 und 1949 gab es eigentlich kein Land namens Deutschland. England nutzte Helgoland als Übungsziel für Bombenabwürfe und es gab auch Überlegungen, den Felsen wieder zu einer permanenten britischen Marinebasis zu machen.

In dieser Zeit entstand ein Entwurf eines deutschen Architekten für ein zukünftiges Helgoland (man beachte den angedeuteten Union Jack auf dem Dach des Spielcasinos).

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Das heutige Casino Helgoland sieht eher so aus. Danke an Ute und Alf für das Care-Paket!

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(Alternativ gibt es natürlich auch noch die Daddelautomaten in diversen Hafenspelunken. Die nehmen inzwischen auch 20 €-Scheine. Hey, wer hat denn diesen Schwachsinn legalisiert?)

Reste

Der Felsen hat so einiges an Geschichte erlebt, weil er die einzige Zwischenstation an den alten Seefahrerrouten in der Nordsee war. Von West nach Ost ging es von Großbritannien Richtung Baltikum und Osteuropa, von Nord nach Süd Richtung Rheinmündung und ins europäische Festland hinein.

Mal war der Felsen friesisch (was mal ein eigenes Land war) dann dänisch, dann gehörte er zu Schleswig, das manchmal zu Deutschland gehörte, dann wiederum zu Dänemark. Ein ziemliches Durcheinander zwischen dem 12. und 18. Jahrhundert.

Den Insulanern dürfte das relativ egal gewesen sein, abgesehen davon, daß man jedesmal wieder Steuern, Abgaben, Strandrecht usw. mit immer neuen Hochwohlgeborenen aushandeln durfte, die ansonsten keine große Hilfe beim alltäglichen Überleben waren.

Dann kamen die Briten, die gerade mit Napoleon Bonaparte Unfreundlichkeiten austauschten und dringend einen neuen Handelsstützpunkt brauchten. Gut achtzig Jahre später tauschten sie die Insel gegen deutsche Kolonialgebiete in Ostafrika ein. Wie üblich wurden die Insulaner nicht gefragt, was sie eigentlich wollen.

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Das Letzte waren dann zwei deutsche Alleinherrscher mit merkwürdigen Schnurrbärten. Beide träumten von See- und Groß- und Weltherrschaft, machten aus dem Felsen zuerst eine Festung im Meer und in der Konsequenz am Ende einen Trümmerhaufen.

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So sieht der Felsen am 18.4.45 aus.

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Und so am 18.4.47, aus einigen Kilometern Entfernung gesehen. Die Briten wollten sicher gehen, daß niemand hier jemals wieder irgendeine Festung baut.

Wenn man heute spazierengeht, findet man immer wieder noch Reste vergangener Machtphantasien.

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Hier fiel vor 70 Jahren eine 5000-Kilo-Bombe vom Himmel, eine von ca. 7000. Die Insel war damals etwa 1,8 km² groß.

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Heute ist der Krater im Sommer ein beliebter Grillplatz, denn am Grund ist es immer schön windstill. Und die Insulaner leben hauptsächlich vom Tourismus und Duty-Free-Handel, der im historischen Vergleich plötzlich unglaublich sympathisch erscheint.

Besucher

Zweibeinige Besucher sind immer noch relativ selten in dieser Jahreszeit.

Aber die Robbenkinder kommen jetzt allmählich ins Teenageralter und setzen sich gelegentlich schon mal von der Düne zum Strand der Hauptinsel ab. Wahrscheinlich nerven die Alten mit ihrem ewigen Fischgespräch und dem Gemecker, daß die Dünen von heute auch nicht mehr so dünig sind wie früher.

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In der Ruhe liegt die Kraft…

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Igitt, Paparazzi!

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Die Felsen an der Nordspitze waren noch vor wenigen Wochen leer und verlassen, aber inzwischen sind die ersten Basstölpel und Trottellummen zurückgekehrt.

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Der Krawall nimmt im Sommer dann solche Lautstärken an, daß Zweibeiner schon mit erhobener Stimme untereinander kommunizieren müssen.

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Die Basstölpel sind übrigens ebenso gute Klippenflieger wie die Lummen. Sie sind nur nicht so rotzfreche Nahrungsräuber wie die Dreizehenmöwen.

(Andere Insulaner haben einen schnelleren Abzugsfinger als ich und dadurch diesen Aspekt des Insellebens anschaulich dokumentiert, z.B. hier: http://www.fotocommunity.de/pc/pc/mypics/6618/display/13700457)

Die Tölpel haben auch keinen Fluchtinstinkt bezüglich der Zweibeiner, was ihnen wohl den Ruf eingetragen hat, ein bißchen doof zu sein. Das hat man nun davon, wenn man nett ist ;-).

Helgoländer Rosenmontagsumzug

Die Idee des kalendarisch bestimmten Pappnasentragens ist dem Norddeutschen fremd. Dem Friesen umso mehr.

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Und auf dem Felsen kann man das daran bemerken, daß in den nächsten Tagen eine verstärkte Rollkofferinvasion von Karnevalsflüchtlingen ansteht.

Was soll man auch schon daran tun, wenn man in Köln lebt?

Yeah right. OK for me.

This corrosion

Wind, Wasser und Salz. Und Zeit, alle Zeit der Welt. Die machen aus Stahl und Beton früher oder später Grütze.

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Und auf dem Weg dorthin auch tolle Farben und Formen. Die darf man hier gratis ansehen, wenn man sich an der Landungsbrücke in Richtung Dünenfähre durchhangelt (und die Augen aufmacht ;-).

Wieder ein Tag, warum auch nicht

Nein, es gibt nichts Besonderes zu berichten. Das Wetter ist unspektakulär, kein neuer Tratsch im Supermarkt oder auf der Arbeit.

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Dann steht man da, am Schloßgarten in Saarbrücken, auf dem Dach des Unperfekthauses in Essen oder am Falm auf Helgoland, sieht sich um und denkt an das Lied von Element Of Crime:

Wieder ein Tag
warum auch nicht
gestern war’n es noch Locken
und heute schon glattes Haar
ein Dosenfisch stürzt sich lachend ins off’ne Meer

Stille

Mit der Stille ist es hier so eine Sache, wenn der Südwestwind um den Felsen heult. Aber manchmal wird es hier selbst im Winter ganz still.

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Und sähe es nicht wirklich so aus, müßte man eigentlich von fürchterlichem Kitsch sprechen.

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Aber dafür gibts halt auch kein schwedisches Möbelhaus ;-). Das liegt irgendwo ein paar Kilometer hinter diesem roten Geleuchte.

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