Guten Morgen Helgoland

Dienstagmorgen, die Insel kommt so langsam in die Gänge.

Im Südhafen haut die Nachtschicht der Frühschicht auf die Schulter und reißt die üblichen Witze. Nur auf dänisch. 

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Auch die Jungs und Mädels von der Bundesmarine machen sich auf den Weg zum Arbeitsplatz.

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Ich müßte jetzt eigentlich noch ein Foto schießen, wie ich meine Schuhe binde. Aber wie das aussieht ist ja bekannt. Stattdessen noch ein Bild von der Helgoländer Straßenbahn.

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Jepp, Ph*toshop-Scherze gab es schon 1906.

Erdkundestunde

So, liebe Kinder, setzt euch mal ordentlich hin, Handies aus und Klappe halten.

Auf der wunderschönen Insel Helgoland ist heute nichts Besonderes passiert, außer daß die Sonne aufging, ich 14 Menschen kennenlernte, sie über die Insel führte und wieder verabschiedete. Dann habe ich einen Brief an meine erste Freundin (von daaamals!) verschickt. Der kostete € 1,45 Porto, denn der letzte Brief war im Jahr 2006 und da kommt dann schon ein wenig was zusammmen. Danach ging die Sonne unter und es war halb fünf.

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Und deswegen erzähle ich euch jetzt mal kurz, warum es die Insel überhaupt gibt.

Die meisten deutschen Nordseeinseln sind ja “nur” große Sanddünen, die ziemlich nahe vor der Küste liegen. Viel weiter draußen ragt aber ein einzelner roter Felsen aus dem Meer. Warum macht er das? Ist ihm auf Sylt zuviel Schickimickirummel oder hat er andere Gründe?

(Jahaa, das ist Alles prüfungsrelevant ;-)

Aaalso: Es war einmal vor vielen hundert Jahren ein König. Der hat mit dem Thema überhaupt nichts zu tun und kommt daher auch nicht mehr in dieser Geschichte vor. Ätsch, reingefallen.

Vor vielen hundert Millionen Jahren aber war da einmal ein Land namens Pangäa, das später dann in die Kontinente Europa und Amerika auseinanderbrach. Um dieses Land herum gab es schon damals ein Meer, das Zechsteinmeer. Heute befindet sich an dieser Stelle die Nordsee.

Am Boden dieses Meeres lagerten sich Salzschichten ab, mehrere tausend Meter dick. So etwa fünfzig Millionen Jahre später schoben sich da etwa siebenhundert Meter roter Sandstein darüber, der irgendwie beim Bau der skandinavischen Küstengebirge übrig geblieben war.

Wieder ein paar hundert Millionen Jahre später, also vor ungefähr 60 bis 20 Millionen Jahren wurden nochmal große Mengen an Gestein darüber abgelagert. Die kamen allerdings nie weiter als bis zur heutigen Küstenlinie und drückten dadurch im Süden mit ein paar Fantastilliarden Tonnen Gewicht auf die beiden existierenden Gesteinsschichten. Unter so einem riesigen Druck verhält sich aber das Salzgestein in der Tiefe wie eine sehr sehr zähflüssige Masse, die versucht, dem Druck auszuweichen und schließlich viel weiter im Norden an einer Bruchlinie im darüber liegenden Sandstein zur Oberfläche vordringt.

Wenn dabei ein Teil des Sandsteins mit in die Höhe gehoben wird, ergibt das einen erstklassigen Felssockel, der erst mal aus einer bewaldeten Tiefebene rausschaut wie dieser… Dings… na, der in Australien, ihr wißt schon.

(Ihr kennt das Problem vielleicht ja aus dem Alltag: Irgendeine Torfnase hat gestern Abend die Zahnpastatube nicht richtig zugeschraubt und dann auch noch auf dem Boden liegen lassen. Ihr torkelt morgens ins Bad und tretet am Südende auf die Tube. Am Nordende macht es plöpp und pffrt und ihr habt eine ziemliche Menge Atemfrische auf dem Boden. Obenauf liegt der Schraubverschluß. Yippie!)

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Dann braucht man noch drei bis vier mittelgroße Eiszeiten, um den Felsen wie einen Tafelberg abzuschleifen, das Schmelzwasser läßt das Tiefland drumherum nach und nach absaufen und bingo, eine Insel! Ah, jetzt, ja!

Das war vor etwa 5.000 Jahren. Seitdem wimmelten dann immer wieder kuriose kurzlebige Zweibeiner auf dem Felsen herum, um Stammeshäuptlinge zu beerdigen, Fische zu fangen, Nationalhymnen zu schreiben, Quantenphysik zu erfinden oder Kriege zu führen.

Nach dem vorläufig letzten Krieg haben diese Zweibeiner unglaublich viel Sprengstoff hierher verfrachtet, um herauszufinden, wieviel von diesem Mist man eigentlich braucht, um eine ganze Insel zu zersprengen.

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Hat nicht funktioniert. Wahrscheinlich wegen dieser eigentümlichen Konstruktion aus weichem Sandstein und Salz. Eine Vulkaninsel wäre in tausend Stücke zersplittert. Aber das ist eine andere Geschichte.

Sonntag nachts auf Helgoland

Duty-Free-Shopper gibt es keine mehr, denn das Fährschiff (Singular!) kommt nur noch alle zwei Tage. Die Kneipen schließen um elf und sogar die Inseldisko (Singular!) hat Ruhetag.

Im Frachthafen kommen ein paar Offshore-Schrauber von der Nachtschicht zurück.

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Der Leuchtturm ist die letzte Lightshow für Zen-Mönche oder Langzeit-Gedächtnis-Geschädigte:

Oh, ein Licht!

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(Eins, zwei, drei, vier, fünf…)

Oh, ein Licht!

Im Westen nichts Neues. Im Norden neues Nichts.

Ein arbeitsfreier Tag.

Windstille, nahezu kein Wellenschlag am Nordstrand, Stille, das ist selten. Meer und Himmel verschwimmen am Horizont. Ich sitze da und Nichts passiert.

Ein Seehund steckt die Nase aus dem Wasser und verschwindet wieder. Ein paar CTV’s fahren vorbei, hinaus in den Windpark. Ein Eissturmvogel jagt über das Wasser dahin, auf der Suche nach unvorsichtigen Fischlein. Dazwischen Nichts.

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Irgendwann sehe ich auf meine Uhr. Nein, sie ist nicht stehengeblieben, sie ist ein äußerst zuverlässiges Stück Plastik aus Japan.

Vier Stunden sind vergangen und Nichts ist passiert.

Toll.

Andere haben eine Katze…

…ich habe eine Insel.

Manchmal ist sie kuschelig und manchmal kratzbürstig, ohne daß man versteht, warum. Sie redet nicht dazwischen. Und ebenso hat sie schwierige Eßgewohnheiten (für einen Vegetarier jedenfalls): Fisch. Fiiisch. Und Schalentiere. Jööörg!

Sie ist mal die Insel, mal der Felsen, (im Gegensatz zu den übrigen Nordseeinseln, was auf Nachfrage Gegenstand einer überaus pingeligen geologischen Ausführung sein könnte, aber nicht jetzt, Liebling…), mal Dorf, mal Tourifalle, mal Windenergie-Logistik-Standort.

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Ich kann es nicht begründen: Ich fühle mich einem Stück Erdboden verbunden, zum ersten Mal in über fünfzig Jahren. Ist das ein Fall für irgendeinen Arzt?

Panorama, baby, Panorama

Wieder so ein Inseltag. Wachwerden, Kaffee, Hinlegen. Mehr Kaffee, Regen am Küchenfenster. Oh, Arbeiten gehen.

Feierabend. Im Südhafen tutet die Winterfähre und es geht schon auf den frühen Nachmittag zu.

Ich laufe rüber zur Westkaje, Wolken ziehen vorüber, das Wetter macht seine Faxen und die Möwen die ihren.

Der Himmel ist sehr groß und ich sehr klein. Ich sitze da und denke größtenteils: Nichts. Vielleicht, daß ich mir gar nicht mehr vorstellen kann, jemals U-Bahn gefahren zu sein.

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Gewinner

Gestern stand da ein Mann unter meinem Fenster, sah auf und meinte “Ist das nicht der… das… Dingens…”.

Herzlichen Glückwunsch, guter Mann. Sie sind der erste, der es gecheckt hat. (Na gut, vielleicht gab es noch andere, von denen ich nichts mitbekommen habe.)

Anyway, für die immer noch verwirrten: Es ist das Coverbild von “Staring at the sea” von The Cure. Schien ganz passend.

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