Tierlieb

In den letzten Tagen war es wieder kalt und neblig und irgendjemand hat sich wohl Sorgen gemacht, daß der Berliner Bär im Oberland sich erkältet.

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Ursprünglich fand ich es kurios, daß viele Leute fragen, warum der da überhaupt steht. Dann wird mir aber klar, wie alt ich bin:

Früher gab es ja mal ein durch eine Mauer geteiltes Deutschland und mindestens jedes mittelgroße Kaff in Westdeutschland hatte einen Berliner Bären mit einer Entfernungsangabe. Im Grundgesetz stand ja auch drin, daß eine Wiedervereingung von Ost- und Westdeutschland irgendwie eine erstrebenswerte Sache sei.

Seit über einem Vierteljahrhundert ist das aber eigentlich Geschichte. Gut, daß sich gelegentlich jemand um den kleinen Kerl dort oben kümmert. Meistens ist das nämlich der windigste Ort auf dem ganzen Felsen.

Vielleicht hat aber auch nur jemand seine Mütze verloren ;-) .

Helmut und Andreas

Helmut. Ich erinnere mich, wie er das Amt übernahm und ich dachte, oh, nach meinem Deutschlehrer wird jetzt mein Mathelehrer Kanzler. Cool fand ich ihn schon, mein Vater fand ihn auch besser als Willy.

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Einen Tag später ist mein Ex-Kollege Andreas gestorben. Der war nie Bundeskanzler (das wäre mal eine echt spannende Ära geworden ;-), aber hat mir mindestens einmal beruflich den hinteren Stoßfänger gerettet.

Mann, Andreas. Du kuckst jetzt von oben auf uns runter und sagst “Regt euch mal wieder ab, mir gehts gut.”

Helmut wahrscheinlich auch.

H-Kennzeichen

Nein, es ist nicht die originale Bremer Kogge aus dem Jahr 1380. Die hatte noch keinen Flautenschieber, der gelegentlich mal mit Schiffsdiesel betankt werden muß.

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Aber die “Ubena von Bremen” hat jetzt immerhin 25 Jahre auf dem Buckel und trotz allem modernen Schnickschnack ;-) gibt sie schon einen ganz guten Eindruck, wie man vor 600 Jahren als Handelskapitän in der deutschen Bucht unterwegs war.

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Casino

Nach dem zweiten Weltkrieg war das Schicksal des Felsens sehr ungewiß. Zwischen 1945 und 1949 gab es eigentlich kein Land namens Deutschland. England nutzte Helgoland als Übungsziel für Bombenabwürfe und es gab auch Überlegungen, den Felsen wieder zu einer permanenten britischen Marinebasis zu machen.

In dieser Zeit entstand ein Entwurf eines deutschen Architekten für ein zukünftiges Helgoland (man beachte den angedeuteten Union Jack auf dem Dach des Spielcasinos).

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Das heutige Casino Helgoland sieht eher so aus. Danke an Ute und Alf für das Care-Paket!

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(Alternativ gibt es natürlich auch noch die Daddelautomaten in diversen Hafenspelunken. Die nehmen inzwischen auch 20 €-Scheine. Hey, wer hat denn diesen Schwachsinn legalisiert?)

Reste

Der Felsen hat so einiges an Geschichte erlebt, weil er die einzige Zwischenstation an den alten Seefahrerrouten in der Nordsee war. Von West nach Ost ging es von Großbritannien Richtung Baltikum und Osteuropa, von Nord nach Süd Richtung Rheinmündung und ins europäische Festland hinein.

Mal war der Felsen friesisch (was mal ein eigenes Land war) dann dänisch, dann gehörte er zu Schleswig, das manchmal zu Deutschland gehörte, dann wiederum zu Dänemark. Ein ziemliches Durcheinander zwischen dem 12. und 18. Jahrhundert.

Den Insulanern dürfte das relativ egal gewesen sein, abgesehen davon, daß man jedesmal wieder Steuern, Abgaben, Strandrecht usw. mit immer neuen Hochwohlgeborenen aushandeln durfte, die ansonsten keine große Hilfe beim alltäglichen Überleben waren.

Dann kamen die Briten, die gerade mit Napoleon Bonaparte Unfreundlichkeiten austauschten und dringend einen neuen Handelsstützpunkt brauchten. Gut achtzig Jahre später tauschten sie die Insel gegen deutsche Kolonialgebiete in Ostafrika ein. Wie üblich wurden die Insulaner nicht gefragt, was sie eigentlich wollen.

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Das Letzte waren dann zwei deutsche Alleinherrscher mit merkwürdigen Schnurrbärten. Beide träumten von See- und Groß- und Weltherrschaft, machten aus dem Felsen zuerst eine Festung im Meer und in der Konsequenz am Ende einen Trümmerhaufen.

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So sieht der Felsen am 18.4.45 aus.

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Und so am 18.4.47, aus einigen Kilometern Entfernung gesehen. Die Briten wollten sicher gehen, daß niemand hier jemals wieder irgendeine Festung baut.

Wenn man heute spazierengeht, findet man immer wieder noch Reste vergangener Machtphantasien.

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Hier fiel vor 70 Jahren eine 5000-Kilo-Bombe vom Himmel, eine von ca. 7000. Die Insel war damals etwa 1,8 km² groß.

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Heute ist der Krater im Sommer ein beliebter Grillplatz, denn am Grund ist es immer schön windstill. Und die Insulaner leben hauptsächlich vom Tourismus und Duty-Free-Handel, der im historischen Vergleich plötzlich unglaublich sympathisch erscheint.

Abfall

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Dr. Carl Peters war ein erfolgreicher deutscher Expeditionsführer gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die Eroberung der deutschen Kolonialgebiete in Ostafrika geht größtenteils auf sein Konto.

Ebenfalls auf sein Konto geht eine große Anzahl von Folterungen und Morden an den Einheimischen. Dr. Peters legte sich einen privaten Harem zu und wer aufmuckte, wurde kurzerhand aufgehängt. Die Frauen wurden meistens “nur” öffentlich ausgepeitscht.

Selbst für den Zeitgeist des wilhelminischen Deutschland (das weit davon entfernt war, den afrikanischen Ureinwohnern Menschenrechte zuzusprechen) waren Dr. Peters’  Methoden zu grausam. Die Presse verpaßte ihm den Spitznamen “Hänge-Peters”, er verlor seine diversen Ämter und sein Denkmal wurde von Berlin nach Helgoland gebracht.

Das entbehrte schon damals nicht einer gewissen Ironie, denn Kaiser Wilhelm war so fest entschlossen, das – damals noch britische – Helgoland zu einem deutschen Marinehafen zu machen, daß er mit dem Sansibar-Vertrag die von Dr. Peters eroberten Kolonien den Engländern im Tausch gegen Helgoland übergab.

Was von Dr. Peters’ Denkmal nach der Zerstörung der Insel im zweiten Weltkrieg noch übrig war, ist heute relativ zwanglos im Vorgarten des Helgoland-Museums arrangiert.

Erdkundestunde

So, liebe Kinder, setzt euch mal ordentlich hin, Handies aus und Klappe halten.

Auf der wunderschönen Insel Helgoland ist heute nichts Besonderes passiert, außer daß die Sonne aufging, ich 14 Menschen kennenlernte, sie über die Insel führte und wieder verabschiedete. Dann habe ich einen Brief an meine erste Freundin (von daaamals!) verschickt. Der kostete € 1,45 Porto, denn der letzte Brief war im Jahr 2006 und da kommt dann schon ein wenig was zusammmen. Danach ging die Sonne unter und es war halb fünf.

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Und deswegen erzähle ich euch jetzt mal kurz, warum es die Insel überhaupt gibt.

Die meisten deutschen Nordseeinseln sind ja “nur” große Sanddünen, die ziemlich nahe vor der Küste liegen. Viel weiter draußen ragt aber ein einzelner roter Felsen aus dem Meer. Warum macht er das? Ist ihm auf Sylt zuviel Schickimickirummel oder hat er andere Gründe?

(Jahaa, das ist Alles prüfungsrelevant ;-)

Aaalso: Es war einmal vor vielen hundert Jahren ein König. Der hat mit dem Thema überhaupt nichts zu tun und kommt daher auch nicht mehr in dieser Geschichte vor. Ätsch, reingefallen.

Vor vielen hundert Millionen Jahren aber war da einmal ein Land namens Pangäa, das später dann in die Kontinente Europa und Amerika auseinanderbrach. Um dieses Land herum gab es schon damals ein Meer, das Zechsteinmeer. Heute befindet sich an dieser Stelle die Nordsee.

Am Boden dieses Meeres lagerten sich Salzschichten ab, mehrere tausend Meter dick. So etwa fünfzig Millionen Jahre später schoben sich da etwa siebenhundert Meter roter Sandstein darüber, der irgendwie beim Bau der skandinavischen Küstengebirge übrig geblieben war.

Wieder ein paar hundert Millionen Jahre später, also vor ungefähr 60 bis 20 Millionen Jahren wurden nochmal große Mengen an Gestein darüber abgelagert. Die kamen allerdings nie weiter als bis zur heutigen Küstenlinie und drückten dadurch im Süden mit ein paar Fantastilliarden Tonnen Gewicht auf die beiden existierenden Gesteinsschichten. Unter so einem riesigen Druck verhält sich aber das Salzgestein in der Tiefe wie eine sehr sehr zähflüssige Masse, die versucht, dem Druck auszuweichen und schließlich viel weiter im Norden an einer Bruchlinie im darüber liegenden Sandstein zur Oberfläche vordringt.

Wenn dabei ein Teil des Sandsteins mit in die Höhe gehoben wird, ergibt das einen erstklassigen Felssockel, der erst mal aus einer bewaldeten Tiefebene rausschaut wie dieser… Dings… na, der in Australien, ihr wißt schon.

(Ihr kennt das Problem vielleicht ja aus dem Alltag: Irgendeine Torfnase hat gestern Abend die Zahnpastatube nicht richtig zugeschraubt und dann auch noch auf dem Boden liegen lassen. Ihr torkelt morgens ins Bad und tretet am Südende auf die Tube. Am Nordende macht es plöpp und pffrt und ihr habt eine ziemliche Menge Atemfrische auf dem Boden. Obenauf liegt der Schraubverschluß. Yippie!)

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Dann braucht man noch drei bis vier mittelgroße Eiszeiten, um den Felsen wie einen Tafelberg abzuschleifen, das Schmelzwasser läßt das Tiefland drumherum nach und nach absaufen und bingo, eine Insel! Ah, jetzt, ja!

Das war vor etwa 5.000 Jahren. Seitdem wimmelten dann immer wieder kuriose kurzlebige Zweibeiner auf dem Felsen herum, um Stammeshäuptlinge zu beerdigen, Fische zu fangen, Nationalhymnen zu schreiben, Quantenphysik zu erfinden oder Kriege zu führen.

Nach dem vorläufig letzten Krieg haben diese Zweibeiner unglaublich viel Sprengstoff hierher verfrachtet, um herauszufinden, wieviel von diesem Mist man eigentlich braucht, um eine ganze Insel zu zersprengen.

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Hat nicht funktioniert. Wahrscheinlich wegen dieser eigentümlichen Konstruktion aus weichem Sandstein und Salz. Eine Vulkaninsel wäre in tausend Stücke zersplittert. Aber das ist eine andere Geschichte.

Halunder

In früheren Zeiten wurde auf der Insel Helgoland ein eigener Dialekt gesprochen. Durch die isolierte Lage entwickelte sich dieser Dialekt  weitgehend getrennt von den anderen friesischen Mundarten.

Ein Klo ist ein Skin, also sind hier alle Skinheads Kloköpfe und es gibt kein Wort für Kind. Man sagt stattdessen letj mensk, also kleiner Mensch. Die Bewohner nannten ihre Insel einfach deät Lunn, also das Land. Verwechslungen waren eher unwahrscheinlich, denn weit und breit gibt es kein anderes Land.

Sich selbst nannten die Helgoländer Halunders, also in etwa die vom Land.