Party

Es ist Sommer geworden, Partyzeit. Allerdings unterliegt auch der Begriff “Party” einer gewissen friesischen Auslegung.

Die Butterfahrt war hier, sie kam, sah und siegte, wie üblich.

Ein paar Reminiszenzen stehen immer noch auf der Düne im Windschatten. “RockNRoll Bauzaun” ??? Echt jetzt ???

Fe war hier und musste wieder zurück, genau so wie die Ex-Nachbarn von früher. Ich musste ja unbedingt auf eine Insel ziehen.

Jetzt aber ist Pfingsten und Nordseewoche. Regatta und Prosecco am Südhafen. Putzig!

Abends, wenn die Fische und die Schiffe schlafen, sind die Zweibeiner noch aktiv. Von einer der Zahnarztyachten scheppert “TV-Glotzer” von Nina Hagen herüber. Die Welt ist voller Wunder ;-) .

Aber die Welt ist auch voller Dummheit, Grausamkeit und Schmerz.

Da hinten, ein wenig weiter hinter dem Horizont sind wieder Menschen ermordet werden. Im Namen Gottes, dabei mag sie diese Sorte von Ausreden ganz besonders wenig.

Mir wird klar, dass ich mich an diese Nachrichten gewöhnt habe und ich frage mich, was aus uns geworden ist. Aus mir geworden ist.

Menschen, Schiffe und Inseln

Es ist Urlaubssaison, Menschen kommen und gehen. Keine Ausrede, mit denen anders umzugehen als mit den wenigen, die sich im Winter hierher verirren.

Manchmal sind es zwanzig Leute auf einmal. Manchmal nur einer. Untergrenzen hat mein Brötchengeber zum zum Glück nicht, aber natürlich kommuniziert man mit einem Individuum auch anders als mit einem Kegelklub.

Vor zwei Jahren war ich mit einer alten Dame hier unterwegs, die schon länger auf dem Felsen Urlaub machte, als ich überhaupt am Leben bin. Aber es war ihr erster Besuch ohne ihren Ehemann, der ein paar Monate zuvor gestorben war. Da habe ich nach fünf Minuten das Programm in die Tasche gesteckt und einfach mal zugehört. War eine gute Idee.

Kleine Gruppen können auf eine andere Art schwierig sein. Manchmal steht man einem Menschen gegenüber, der einem eigentlich eine eigene Geschichte erzählen möchte (warum reisen Leute zu entlegenen Inseln, hä?).

Das kuckt dann aus den Augen und da kann die Grenze zwischen Professionalität und Herzlosigkeit hauchdünn werden.

Aber egal, am nächsten Tag reisen sie sowieso wieder ab. Ein kleiner Teil der Inselgeschichte geht vielleicht, hoffentlich, mit ihnen zurück.

Und ich bleibe hier, einfach weil sowieso und weil Fe am nächsten Wochenende hierher kommt.

Drei

Das dritte Silvester auf dem Felsen. Vor zwei Jahren wurde ich von Gästen auf dem Heimweg in deren Party hereingezerrt und zerschellte an einem Killer-Caipirinha. Spontaner Sprachverlust in 15 Minuten. Hm.

Vor einem Jahr stand ich ganz unzeremoniell oben an der Steilklippe, prostete der Nordsee mit einem Handbier zu und ging wieder nach Hause. Da hätte ich noch superkomplizierte Fremdwörter aussprechen können. Es war aber keiner da, der sie hätte hören wollen. Tja.

Heute haben wir lecker Falafel gemacht und uns dann – leicht überfuttert – mal kurz hingelegt. Die Macht des Falafel war größer als die des Weckers. Also warf uns das Feuerwerk um 00:01 Uhr aus dem Bett. So geht’s natürlich auch ;-) .

Zum Glück wohne ich ja mit Seeblick.

Realitätsblase

So nennt man das heutzutage, wenn Menschen unsere superduper Kommunikationsmöglichkeiten so zurechtschustern, dass sie nur noch Informationen liefern, die einen in der eigenen Meinung und vermeintlichen Rechthaberei bestätigen.

Muss ich nicht machen. Ich lebe in einer anderen Realitätsblase. Sie ist 1.800 mal 600 Meter groß und Alles, was man hier tut oder lässt, geschieht in der ersten Person. Wenn du versuchst, dich hinter einer Partei, einer Religion oder  sonst einem flotten Spruch zu verstecken, kaufen die Insulaner dir diesen Mist einfach nicht ab.

Heute fahre ich aufs Festland, mit mulmigen Gefühlen. Ich habe schließlich auch die Nachrichten aus Berlin gelesen. Aber ich will ein paar Leute dort wiedersehen.

Trotzdem gehen mir die Worte eines der großen Miesepeter unserer Zeit nicht aus dem Kopf:

“Wenn das letzte Lebewesen

unseretwegen gestorben ist,

wie poetisch wäre es,

wenn die Erde sagen könnte,

mit einer Stimme, die

vielleicht

vom Grunde

des Grand Canyon heraufkäme:

‘Es ist vollbracht.’

Den Menschen hat es hier nicht gefallen.”

Kurt Vonnegut, “Requiem”

Singt mir die Namen skandinavischer Seeleute

Heute morgen fahre ich vom Arzttermin zurück zum Felsen. Der Wind hat ein wenig aufgefrischt und im Hotel hab ich noch schnell auf der Webseite des BSH zum Seegang nachgesschaut. Oh-oh, zweieinhalb bis drei Meter Wellenhöhe und das auf der guten alten Funny Girl.

An Bord ist gute Stimmung, die ersten Piccolos werden geköpft, bevor wir überhaupt den Hafen verlassen haben. Als wir Neuwerk passieren, beginnt das alte Mädchen, deutlich zu stampfen und die ersten Berg- und Talfahrten werden noch mit Juhu und Jaha bejubelt.

Gelegentlich muss der Käptn aber auch beidrehen, weil wir sonst in Schottland ankommen würden anstatt auf Helgoland. Dann beginnt das Schiff zusätzlich zu rollen, es wird nach und nach immer stiller an Bord und bald singt der eine oder andere Passagier die Namen skandinavischer Seeleute (Sööören! ;-).

Aber die Crew kennt das natürlich schon, scheucht alle Amateur-Seebären auf ihre Sitzplätze zurück und jeder, der nicht ein Bier in der Hand oder wenigstens ein albernes Grinsen im Gesicht hat, wird großzügig mit Küchenrollen und Spucktüten beschenkt.

Ist angeboren, sagt einer der Stewards, der früher mal mit Frachtschiffen in Atlantik und Pazifik unterwegs war. Der eine kriegts, der andere nicht. Muss man sich nix drauf einbilden.

Herr Doktor

Ich muss zum Arzt. Klar, kann passieren und es gibt einige Ärzte auf dem Felsen. Manchmal müssen die aber mit ihren Kenntnissen passen. Dann geht’s zum Facharzt und der ist in Caxhuven Cuxhaven.

Und ich muss im Winter zum Arzt. Mittwochs fährt da kein Schiff, also stehe ich Donnerstags um Sieben am Südhafen, um mit der Funny Girl zum Festland zu reisen. Die Helgoland ist zum Saisonende im Wartungsdock, bevor die Grünkohl-Touristen kommen.

Keine Touristen an Bord, nur ein paar komatöse Offshore-Leute und Handwerker (plus drei Helgoländer, die alle zum Arzt müssen ;-). Wer auf dem Festland schon mal aus Termingründen um vier Uhr morgens in einen Fernzug gestiegen ist weiss, was ich meine.

Die Funny Girl ist eine Veteranin in der deutschen Bucht. Kein pastellfarbener Wohlfühl-Schnickschnack wie auf der Helgoland.

Um Zehn sind wir in Cuxhaven. Die Arztpraxis in Cux sieht ein wenig so aus, als hätten schon Generationen von Seeleuten ihre Berufskrankheiten dort kurieren lassen. Egal, ich bin nicht hier, um mir schicke Möbel anzukucken.

Funktioniert aber wie geölt und nach einer Stunde bin ich etwa zehn Prozent schlauer und stehe  – etwas wackelig auf den Beinen – wieder auf der Straße (wenn Ärzte sagen “Bitte nüchtern”, meinen sie nicht nur “Ohne Frühstücksbier”, sondern auch “Ohne Frühstück, nee, Kaffee auch nicht”).

Noch 22,5 Stunden, bis mein Schiff wieder zurückfährt. Super.

Ach Cuxhaven, Perle des Norddeichs. Eigentlich bist du ja ganz ok und wenn du eine Reeperbahn hättest, würde ich da genau so verpeilt herumstehen wie am Fischereihafen.

Du bist ein bisschen wie Bottrop. Nur mehr Fisch. Ab man’s glaubt oder nicht, ich mag Bottrop. War da mal super Kaffee trinken.

Manche Sachen sind trotzdem komisch. Cuxhaven leidet – wie fast alle Städte auf dem Festland – nach Sonnenuntergang unter Natriumdampflichtgelbsucht. Mein Kamerasensor sieht das schon richtig.

Die vielen Autos, die um einen herumfahren, riechen nur ganz schwach nach Igitt. Muss der Fortschritt sein.

Aber diese Blechhalden? In den Augen eines Festländers mag das aussehen wie ein Supermarktparkplatz, in meinen Augen sieht es aus wie eine illegale Sondermülldeponie. Wer hat das denn erlaubt?

Nach ein paar Tagen würde ich mich natürlich auch wieder daran gewöhnen.

Vielleicht will ich deshalb nicht von diesem Felsen weg.

Tagein, tagaus

Mein dritter Sommer auf dem Felsen geht zu Ende, der Planet dreht sich, es wird hell, es wird dunkel. 

Der Sommer ist vorbei, die ersten Wolkenfestungen türmen sich am Himmel auf und selbst der blaue Himmel ist anders als vor ein paar Wochen.

Die ersten Boote werden an Land geholt und die Frachter kommen nur noch einmal im Monat anstatt einmal pro Woche.

​​

Auch am Lummenfelsen ist es ruhig geworden, aber dafür sind Scharen von Zugvögeln zu Gast. Und die Menschen, die hierher kommen, um sie zu beobachten. 

An der Westklippe stehen zwei Menschen, schauen übers Meer und schmieden Pläne für die Zukunft. 

Und fürs Abendessen ;-) .

September. Noch.

Was inzwischen geschah: Es war August. Es wurde September.

Der Herbst feuerte dem Sommer ein, zwei Warnschüsse vor den Bug.

Dann kam die Sonne wieder zurück, der Himmel ist wieder postkartenblau, die weissen Schiffe liegen auf der Reede und der Felsen blüht und grünt aus allen Knopflöchern.

Gut gelaunte Gäste, dem Treiben auf dem Festland entronnen. Manche sagen, dass sie mich ein wenig beneiden (aber doch den Sprung an so einen seltsamen Wohnort scheuen).

Aber da ist auch eine leise Stimme, die immer wieder flüstert: Noch.

Noch scheint die Sonne, noch kämpft sich die tapfere Dünenfähre alle 30 Minuten durch die Passage zur Landungsbrücke.

Aber die ersten KollegInnen in den Hotels und Restaurants zählen mir schon die Tage ab, bis sie für die Wintersaison in die Urlaubsorte in den Skigebieten umziehen.

Ich bleibe hier und zähle auch die Tage, sage ebenfalls: Noch.

Noch vier Wochen, bis Fe wieder hierher kommt. Eigentlich hatte ich ja den Plan, allein zu bleiben, auf diesem Felsen, wo das Risiko ungeplanter emotionaler Verwicklungen so gering ist wie nur möglich.

Ich glaube, ich brauche einen neuen Plan.

Back to the garden

Da war ich.

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Und dann fuhr ich wieder zurück.

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Ok, ok, ok.

Das Herzberg-Festival ist, anders als die Fusion, mehr so eine Althippie-Veranstaltung.

Hier fragen am Bierstand die Leute neben dir andauernd: “Warst du nicht vor mir dran?” Noch am dritten Tag kann man die Dixiklos ohne Schutzanzug benutzen. Wenn das nicht von wahrer Liebe zeugt ;-) !

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Es gab viele, ungewohnt offene, freie Unterhaltungen mit bis dahin völlig Fremden und, sorry, lieber Felsen, aber deine Bewohner sind da doch viel zurückhaltender. Ich hab sogar eine etwas komplizierte Theorie, inwiefern das mit der Insellage zu tun hat, aber ich verrate sie nicht ;-) .

Ach so, Musik gab es auch. Tolle. Yippie!

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Tja, und nun bin ich wieder zurück. Es gibt eine Menge zu tun, die Saison läuft auf Hochtouren, meine Gäste sind trotz holpriger See und Wetterlage gut drauf. Läuft.

Aber es fehlt auch was. Das Gefühl hatte ich hier noch nie.

 

Bilderbuch

Heute war wieder einer dieser Tage, die fast schon zu perfekt erscheinen: Strahlender Sonnenschein, gemütliche 24 Grad, gut gelaunte Gäste mit lustigen Kids (die meistens die besten und überraschendsten Fragen stellen).

Vom Festland kommen wieder Nachrichten von nicht enden wollendem Mord und Totschlag: Nizza, Istanbul, Baton Rouge, Würzburg… Und wieder dieses komische Gefühl, als geschehe das Alles in einer anderen Welt.

Warum machen wir diese Dinge? 

Ich kenne niemanden, den ich so sehr hassen würde und keine Belohnung, die solche Gier, Grausamkeit und Dummheit wert wäre.

Aus dem Westen zieht ein Unwetter auf.