Hier und weg

Sie sind wieder hier. Die Seevögel am Lummenfelsen…

…und bei den Basstölpeln wird geschnäbelt und geposed, was das Zeug hält.

Irgendwie muss ich an mich selbst denken, irgendwann in den Achtzigern in der Disco.

Ein unglaublicher Krawall und zum Glück weht ein frischer Wind, sodass die Duftnote aus Fischstäbchen und Vogelmist, äh, atmosphärisch bleibt.

Zwei Dreizehenmöven sehen sich das Treiben aus einiger Distanz an und kucken ein bisschen wie Tante Else und Onkel Gerd auf Tagestour.

À propos: Die Sommertouris sind auch wieder hier. Die machen andere Geräusche, eher so brabbel-brabbel, roll-roll, wenn sie in Scharen unter meinem Fenster die Hafenstraße entlang pilgern.

Aber im Ernst, der Winter war lang und still und häufig auch düster genug, sodass es eine willkommene Abwechslung ist, wenn mal wieder Leben in die Bude kommt.

Und im Oktober werden wir wieder kurz durchatmen, wenn der Zauber vorbei ist ;-) . Das ist halt auch ein Teil des Helgoländer Jahreszyklus.

Tscha, alle sind sie wieder hier.

Nur Fe ist wieder weg, zurück aufs Festland bis Ende Mai. Also eigentlich kein Grund, mich zum Gedudel alter Fanta 4-Klopper selbst zu bemitleiden.

Aber davor war’s wirklich schöner, allein zu sein.

Das Haus, das schläft

Dieses Jahr bin ich zu Weihnachten nicht auf dem Felsen, sondern ziemlich weit weg auf dem Festland. Das ist eine lange Geschichte, die für die meisten Leute nicht von Interesse ist. Und die anderen wissen sowieso schon Bescheid.

Es ist ein wenig anders, als mit einem Handbier an der Steilklippe zu stehen und in Richtung Südhafen zu schauen. Im Sommer war ich schon einmal hier und nannte es das Haus, das schläft. Doch nun sind seine Bewohner für ein paar Tage zurückgekehrt, ich stehe im Garten und fühle mich gleichzeitig fremd und zuhause.

Haltet die Ohren steif, Leute und macht es gut.

Ansage

Über Zugfahrten und was da unterwegs passiert, blogt man nicht. Das ist Twitterei unterster Schublade. Zwar habe ich seit 2009 einen Twitter-Account, habe ihn aber noch nicht benutzt. 

Ist aber auch egal, denn ich fahre gerade mit der Bimmelbahn durch Ostfriesland und der Schaffner sagt gerade den nächsten Halt durch. Der Norddeutsche gilt ja stereotyp als eher humorfreies Wesen, aber:

“Yo yo yo, wir halten mal kurz in Hechthausen. Wer aussteigen muss – tschüs und schönen Tag noch. Ansonsten gute Weiterfahrt!”

Der nächste Bahnhof ist Hammah, und tatsächlich, unvermeidlich:

“Nächster Halt Hammah. Ischa der Hammer, oder?”

Dann kommt Stade.

“In Kürze erreichen wir die wunderschöne Hansestadt Stade. Da sollte man eigentlich auf jeden Fall aussteigen. Wer trotzdem weiterfahren will – selber schuld, lohnt sich nicht.”

Trotzdem geht es dann weiter in Richtung Hamburg.

Liebe ZugbegleiterInnen: Was immer es heute zum Frühstück gab – esst mehr davon ;-).

Reality Check

Gestern bin ich vom Felsen in Richtung Festland aufgebrochen. Keine besonderen Vorkommnisse auf der Überfahrt. Deck 4 (wo man rauchen darf) ist wetterbedingt ziemlich leer.

Über Bord ist auch keiner gegangen. Yay!

Heute morgen im Hostel: Reality Check, Fernsehen. Gibt es natürlich auch auf dem Felsen, bei mir zuhause aber nicht. Kuckt sich das überhaupt noch jemand an?

Und dann mache ich mich auf den Weg zum Bahnhof.

Festland, bleiche Mutter.

Realitätsblase

So nennt man das heutzutage, wenn Menschen unsere superduper Kommunikationsmöglichkeiten so zurechtschustern, dass sie nur noch Informationen liefern, die einen in der eigenen Meinung und vermeintlichen Rechthaberei bestätigen.

Muss ich nicht machen. Ich lebe in einer anderen Realitätsblase. Sie ist 1.800 mal 600 Meter groß und Alles, was man hier tut oder lässt, geschieht in der ersten Person. Wenn du versuchst, dich hinter einer Partei, einer Religion oder  sonst einem flotten Spruch zu verstecken, kaufen die Insulaner dir diesen Mist einfach nicht ab.

Heute fahre ich aufs Festland, mit mulmigen Gefühlen. Ich habe schließlich auch die Nachrichten aus Berlin gelesen. Aber ich will ein paar Leute dort wiedersehen.

Trotzdem gehen mir die Worte eines der großen Miesepeter unserer Zeit nicht aus dem Kopf:

“Wenn das letzte Lebewesen

unseretwegen gestorben ist,

wie poetisch wäre es,

wenn die Erde sagen könnte,

mit einer Stimme, die

vielleicht

vom Grunde

des Grand Canyon heraufkäme:

‘Es ist vollbracht.’

Den Menschen hat es hier nicht gefallen.”

Kurt Vonnegut, “Requiem”

Herr Doktor

Ich muss zum Arzt. Klar, kann passieren und es gibt einige Ärzte auf dem Felsen. Manchmal müssen die aber mit ihren Kenntnissen passen. Dann geht’s zum Facharzt und der ist in Caxhuven Cuxhaven.

Und ich muss im Winter zum Arzt. Mittwochs fährt da kein Schiff, also stehe ich Donnerstags um Sieben am Südhafen, um mit der Funny Girl zum Festland zu reisen. Die Helgoland ist zum Saisonende im Wartungsdock, bevor die Grünkohl-Touristen kommen.

Keine Touristen an Bord, nur ein paar komatöse Offshore-Leute und Handwerker (plus drei Helgoländer, die alle zum Arzt müssen ;-). Wer auf dem Festland schon mal aus Termingründen um vier Uhr morgens in einen Fernzug gestiegen ist weiss, was ich meine.

Die Funny Girl ist eine Veteranin in der deutschen Bucht. Kein pastellfarbener Wohlfühl-Schnickschnack wie auf der Helgoland.

Um Zehn sind wir in Cuxhaven. Die Arztpraxis in Cux sieht ein wenig so aus, als hätten schon Generationen von Seeleuten ihre Berufskrankheiten dort kurieren lassen. Egal, ich bin nicht hier, um mir schicke Möbel anzukucken.

Funktioniert aber wie geölt und nach einer Stunde bin ich etwa zehn Prozent schlauer und stehe  – etwas wackelig auf den Beinen – wieder auf der Straße (wenn Ärzte sagen “Bitte nüchtern”, meinen sie nicht nur “Ohne Frühstücksbier”, sondern auch “Ohne Frühstück, nee, Kaffee auch nicht”).

Noch 22,5 Stunden, bis mein Schiff wieder zurückfährt. Super.

Ach Cuxhaven, Perle des Norddeichs. Eigentlich bist du ja ganz ok und wenn du eine Reeperbahn hättest, würde ich da genau so verpeilt herumstehen wie am Fischereihafen.

Du bist ein bisschen wie Bottrop. Nur mehr Fisch. Ab man’s glaubt oder nicht, ich mag Bottrop. War da mal super Kaffee trinken.

Manche Sachen sind trotzdem komisch. Cuxhaven leidet – wie fast alle Städte auf dem Festland – nach Sonnenuntergang unter Natriumdampflichtgelbsucht. Mein Kamerasensor sieht das schon richtig.

Die vielen Autos, die um einen herumfahren, riechen nur ganz schwach nach Igitt. Muss der Fortschritt sein.

Aber diese Blechhalden? In den Augen eines Festländers mag das aussehen wie ein Supermarktparkplatz, in meinen Augen sieht es aus wie eine illegale Sondermülldeponie. Wer hat das denn erlaubt?

Nach ein paar Tagen würde ich mich natürlich auch wieder daran gewöhnen.

Vielleicht will ich deshalb nicht von diesem Felsen weg.

Verlustmeldung

Spät abends auf das blinkende Mobiltelefon geschaut. Nachricht gelesen. Nicht verstanden. Nicht verstehen gewollt. Es ist wie der Augenblick, in dem ich mich in den Finger schneide, auf die Verletzung schaue und ungläubig darauf warte, dass der Schmerz kommt.

Ihr Bruder hatte mir vor einigen Wochen erzählt, dass sie schwer erkrankt ist. Trotzdem geht es nicht in meinen Kopf hinein.

Es ist über dreißig Jahre her, dass wir ein Paar waren. Von ihr habe ich gelernt, was ich in diesem Leben wirklich erreichen will.

Ich kann nicht mehr schlafen und gehe in den Südhafen, fotografiere den Sonnenaufgang. Sollte ich nicht warten bis zum Sonnenuntergang?

Nein.

Back to the garden

Da war ich.

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Und dann fuhr ich wieder zurück.

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Ok, ok, ok.

Das Herzberg-Festival ist, anders als die Fusion, mehr so eine Althippie-Veranstaltung.

Hier fragen am Bierstand die Leute neben dir andauernd: “Warst du nicht vor mir dran?” Noch am dritten Tag kann man die Dixiklos ohne Schutzanzug benutzen. Wenn das nicht von wahrer Liebe zeugt ;-) !

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Es gab viele, ungewohnt offene, freie Unterhaltungen mit bis dahin völlig Fremden und, sorry, lieber Felsen, aber deine Bewohner sind da doch viel zurückhaltender. Ich hab sogar eine etwas komplizierte Theorie, inwiefern das mit der Insellage zu tun hat, aber ich verrate sie nicht ;-) .

Ach so, Musik gab es auch. Tolle. Yippie!

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Tja, und nun bin ich wieder zurück. Es gibt eine Menge zu tun, die Saison läuft auf Hochtouren, meine Gäste sind trotz holpriger See und Wetterlage gut drauf. Läuft.

Aber es fehlt auch was. Das Gefühl hatte ich hier noch nie.

 

Bilderbuch

Heute war wieder einer dieser Tage, die fast schon zu perfekt erscheinen: Strahlender Sonnenschein, gemütliche 24 Grad, gut gelaunte Gäste mit lustigen Kids (die meistens die besten und überraschendsten Fragen stellen).

Vom Festland kommen wieder Nachrichten von nicht enden wollendem Mord und Totschlag: Nizza, Istanbul, Baton Rouge, Würzburg… Und wieder dieses komische Gefühl, als geschehe das Alles in einer anderen Welt.

Warum machen wir diese Dinge? 

Ich kenne niemanden, den ich so sehr hassen würde und keine Belohnung, die solche Gier, Grausamkeit und Dummheit wert wäre.

Aus dem Westen zieht ein Unwetter auf.

Parallelen

Nach einigen Tagen auf dem Festland und dem Fusion-Festival bin ich wieder zurück auf dem Felsen.

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(Nein, das ist nicht Helgoland, sondern Cuxhaven. Aber die Parallelen zu den Parallelen im Titel waren zu verlockend. Und dieses rekursive, aber irgendwie dämliche Wortspiel auch. ;-)

Wie immer war die Fusion ein besonderes Erlebnis, aber ich schreibe hier nicht mehr darüber. Im vergangenen Jahr hatte ich mit einem ziemlich euphorischen Blogeintrag einen regelrechten Shitstorm ausgelöst, denn Medienpropaganda ist von den OrganisatorInnen (und auch den meisten BesucherInnen) unerwünscht. Und das betrifft nicht nur Mainstream-Medien, sondern auch Soziale Dreckwerke, wie die FusionistInnen das so charmant ausdrücken. Ich hatte halt das Kleingedruckte in der Bedienungsanleitung nicht gelesen.

Seit einigen Jahren versucht die Fusion, nicht mehr größer zu werden. Relativ erfolglos. Der Erwerb eines Tickets ähnelt vom formalen Aufwand inzwischen eher dem Abschluss eines Bausparvertrages. Und vielleicht trägt gerade das zu einem zusätzlichen, unerwünschten Hype um das Festival bei.

In diesem Jahr haben die OrganisatorInnen daher bekannt gegeben, dass es in 2017 kein Festival geben wird. Die Bedenkzeit soll unter Anderem dazu dienen, sich Gedanken zu machen, wie es mit dem Festival weitergehen soll.

(Nein, das ist kein Bild von der Fusion. Das ist nur eine Wiese im 275-Seelen-Dorf Lärz in Mecklenburg-Vorpommern, drei Tage nach dem Festival.)

Kurz vor meiner Abreise hatte ich die Blogeinträge komplett auf inaktiv gesetzt und ein Baustellenschild aufgehängt. Vor zwei Jahren habe ich das Blog gestartet, um meine Festlandsfamilie auf dem Laufenden zu halten und wenn dann noch andere Menschen mitlesen konnten – nun ja, auch nicht schlimm, vielleicht würden ja sogar einige dadurch hierher gelockt.

Aber dann habe ich mich neulich etwas mit Pingbacks, Referrern und der WordPress-Zugriffsstatistik beschäftigt und auch damit, was ich teilweise an Persönlichem hier veröffentliche. Und mir wurde etwas mulmig, gerade weil ich mich sonst gerne darüber lustig mache, wieviel Privates ein nicht unerheblicher Teil der Menschheit über diverse soziale Dreck Netzwerke unkontrolliert der Öffentlichkeit offenbart.

Hm.

Ich brauchte allerdings kein ganzes Jahr Bedenkzeit, um ein paar Blogeinträge auf Privat zu setzen und den Rest wieder freizugeben. Auch in Zukunft werden manche Einträge nur mit einem Passwort für den Kreis der Üblichen Verdächtigen™ lesbar sein. It’s my party ;-) .