Bilderbuch

Heute war wieder einer dieser Tage, die fast schon zu perfekt erscheinen: Strahlender Sonnenschein, gemütliche 24 Grad, gut gelaunte Gäste mit lustigen Kids (die meistens die besten und überraschendsten Fragen stellen).

Vom Festland kommen wieder Nachrichten von nicht enden wollendem Mord und Totschlag: Nizza, Istanbul, Baton Rouge, Würzburg… Und wieder dieses komische Gefühl, als geschehe das Alles in einer anderen Welt.

Warum machen wir diese Dinge? 

Ich kenne niemanden, den ich so sehr hassen würde und keine Belohnung, die solche Gier, Grausamkeit und Dummheit wert wäre.

Aus dem Westen zieht ein Unwetter auf.

Osterspaziergang

Ostern fällt dieses Jahr mit dem Saisonbeginn zusammen, viele Journalisten sind hier und Alle sind ganz aufgeregt. Nur die Nordsee schmollt und macht pubertäre Pfrrrt-Geräusche.

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Dann reisen die Medienleute wieder ab und die Sonne kommt heraus. Ha!

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Ich laufe in den Südhafen, um Fotos zu machen. Das ist etwa 300 Meter von meiner Wohnung entfernt, aber trotzdem wird es unterwegs dunkel und Hagel prasselt auf mich nieder, sodaß ich mich in einem Strandkorb vor dem leerstehenden Haus Marinas verkrieche.

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Ist das dann eigentlich ein Regen- oder ein Hagelbogen?

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Nach zwei Minuten schlägt etwas mit einem deutlichen Klonk an die Rückseite des Korbes. Oh, ein anderer Strandkorb. Da sitzt aber niemand drin und dann wehen die natürlich auch schneller weg. Ich suche trotzdem lieber Schutz hinter dem Haus.

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Bevor ich meine durchgeweichte Zigarette fertig geraucht habe, ist schon Alles vorbei.

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Den Möwen ist das natürlich mal wieder piepegal.

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Achso, ja, Ostern:

Vor 1983 Jahren hat sich angeblich mal ein Mensch lieber ermorden lassen, als seine pazifistische Überzeugung zu verleugnen. Praktischerweise war er aber Gottes Sohn und weil er dachte, daß dieser Märtyrersch*** die falsche Botschaft sendet, beschloß er, lieber wieder von den Toten aufzuerstehen. Und weil dann alle gerade so gut drauf waren, meinte er:

Das kann jetzt jeder haben, es gibt aber einen Haken. Zuerst müßt ihr lernen, meine Mörder zu lieben.

Diese Idee hat sich noch nicht so recht durchgesetzt.

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Als Spezies vertrauen wir bis auf Weiteres lieber auf das Herstellen und Abfeuern von Waffen. Kurzfristig bringt das oft einen taktischen Vorteil.

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Langfristig nicht.

[Die letzten beiden Bilder stammen von Franz Schensky, der der Inselfotograf auf Helgoland im 19. und 20. Jahrhundert war.]

Kälte

Es ist kalt, kalt, kalt. Nordwind. Sogar die Robben sind von ihrem angestammten Platz auf der Nord-Ost-Seite der Düne zur Westseite der Insel umgezogen.

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Sehr praktisch, da muß ich zum Robben-Watching nicht mehr so weit laufen.

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Ta-daaa, ganz kurz schaut die Sonne hervor, aber trotzdem bleibt es kalt.

Kalt wie die Herzen der stinkreichen Europäer (eine schlimme Verallgemeinerung, ich weiß), die seit siebzig Jahren ohne Krieg leben dürfen und nun ihren Gartenzaun mit Stacheldraht aufrüsten, weil sonst zu viele Menschen Zuflucht vor dem Krieg in ihrer Heimat finden könnten.

Ich habe natürlich leicht reden, auf Helgoland gibt es keine Flüchtlinge. Der Felsen liegt 70 Kilometer vom Festland entfernt in der Nordsee, ist gut eineinhalb Quadratkilometer groß und die Hälfte davon ist unbebaubar. Wir spenden nur ein bißchen Geld.

Von 1945 bis 1952 waren übrigens alle Helgoländer Flüchtlinge. Aber ich schweife ab.

Trugbild

Ist das ein Vogel oder hat mir jemand was in den Tee getan?

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Auch ansonsten ein ruhiger Tag. Schöne Inselführung, Gäste mit diesem fast unmerklichen wir-wissen-schon-warum-Lächeln in den Mundwinkeln. In kreischendem Gegensatz dazu die neuesten Nachrichten vom Festland.

Hier wäre es schwer, überhaupt genügend Menschen zusammen zu kriegen für eine solche Grausamkeit. Nicht mal die Nazis haben das geschafft, siehe Kropatscheck. Man kann sich hier nicht verstecken hinter irgendeiner Bewegung, Religion oder was auch immer da herhalten muß. Was man tut oder läßt, geschieht allerzuerst in der ersten Person.

Spätestens im Dezember werde ich auch wieder aufs Festland reisen. In ein anderes Land.

Komisch, das mit der Insel.

Kein Weg zurück

Seit drei Tagen Sturm, keine Schiffe und auch die Inselflieger haben alle Flüge abgesagt.

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Am Himmel ziehen Wolkenschlösser vorbei, die von Graf Dracula entworfen sein könnten.

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Auf dem Weg zum Südhafen gehe ich in den Sailor’s Shop und kaufe ein Handbier. Im Radio läuft gerade “Kein Weg zurück” von Wolfsheim. Einer der seltenen Augenblicke, in denen der Dudelfunk die passende Musik spielt.

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In der Hafenstraße warten die Baracken gegenüber der Feuerwehr immer noch auf ihre Gentrifizierung.

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Dann gehe ich nach Hause, liege auf dem Bett und lese meinen Kropatscheck weiter.

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Und ich weiß wieder: Wir sind alle Glückskinder, Wolfsheim-Musik hin oder her.

We don’t live in a yellow submarine

Das gelbe Ding im Binnenhafen ist nämlich unbemannt, wird von der Noorcat im Hintergrund ferngelenkt und sucht mit einer Unterwasserkamera nach Munitionsresten und Blindgängern im Binnenhafen.

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Ja genau, nach 63 Jahren, immer noch. Krieg ist wirklich eine ganz schlechte Idee.

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Ferngesteuerte gelbe Forschungs-U-Boote sind allerdings schon sehr cool. Wenn ich groß bin, will ich auch eins ;-) .

Ansonsten? Draußen weht es mit Windstärke 10, keine Schiffsverbindungen mehr und langsam, aber sicher verpfeifen sich alle Telefon- und Internetverbindungen, die über den Funkmast geroutet werden, in die Grauzone.

Im Oberland für einen älteren Herrn, der hingefallen war, den Krankenwagen gerufen. Vor den Hummerbuden wird gerade geheiratet. Ein Samstag.

Im Himmel

Gestern erhielt ich Nachricht, daß ein alter Freund aus den Achtzigern gestorben ist und Erinnerungen rumoren wie schlecht verzurrte Gepäckstücke durch meinen Kopf.

Dann klopft die Polizei an die Tür. Hinter dem Haus ist eine alte Bombe aus dem zweiten Weltkrieg gefunden worden. Das passiert hier eigentlich immer, sobald irgendwo ein Zaunpfahl aufgestellt werden soll, denn am 18.4.45 ist die damals 1,8 km² große Insel innerhalb von 75 Minuten von 7.000 Bomben getroffen worden.

Also sitze ich am Osthafen, sehe nach oben, frage mich, was er jetzt sagen würde.

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Nach zwei Stunden sehe ich die evakuierten Schiffe wieder in den Südhafen zurückkehren. Wir sind schon sehr merkwürdige Wesen.

Reste

Der Felsen hat so einiges an Geschichte erlebt, weil er die einzige Zwischenstation an den alten Seefahrerrouten in der Nordsee war. Von West nach Ost ging es von Großbritannien Richtung Baltikum und Osteuropa, von Nord nach Süd Richtung Rheinmündung und ins europäische Festland hinein.

Mal war der Felsen friesisch (was mal ein eigenes Land war) dann dänisch, dann gehörte er zu Schleswig, das manchmal zu Deutschland gehörte, dann wiederum zu Dänemark. Ein ziemliches Durcheinander zwischen dem 12. und 18. Jahrhundert.

Den Insulanern dürfte das relativ egal gewesen sein, abgesehen davon, daß man jedesmal wieder Steuern, Abgaben, Strandrecht usw. mit immer neuen Hochwohlgeborenen aushandeln durfte, die ansonsten keine große Hilfe beim alltäglichen Überleben waren.

Dann kamen die Briten, die gerade mit Napoleon Bonaparte Unfreundlichkeiten austauschten und dringend einen neuen Handelsstützpunkt brauchten. Gut achtzig Jahre später tauschten sie die Insel gegen deutsche Kolonialgebiete in Ostafrika ein. Wie üblich wurden die Insulaner nicht gefragt, was sie eigentlich wollen.

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Das Letzte waren dann zwei deutsche Alleinherrscher mit merkwürdigen Schnurrbärten. Beide träumten von See- und Groß- und Weltherrschaft, machten aus dem Felsen zuerst eine Festung im Meer und in der Konsequenz am Ende einen Trümmerhaufen.

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So sieht der Felsen am 18.4.45 aus.

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Und so am 18.4.47, aus einigen Kilometern Entfernung gesehen. Die Briten wollten sicher gehen, daß niemand hier jemals wieder irgendeine Festung baut.

Wenn man heute spazierengeht, findet man immer wieder noch Reste vergangener Machtphantasien.

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Hier fiel vor 70 Jahren eine 5000-Kilo-Bombe vom Himmel, eine von ca. 7000. Die Insel war damals etwa 1,8 km² groß.

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Heute ist der Krater im Sommer ein beliebter Grillplatz, denn am Grund ist es immer schön windstill. Und die Insulaner leben hauptsächlich vom Tourismus und Duty-Free-Handel, der im historischen Vergleich plötzlich unglaublich sympathisch erscheint.

Abfall

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Dr. Carl Peters war ein erfolgreicher deutscher Expeditionsführer gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die Eroberung der deutschen Kolonialgebiete in Ostafrika geht größtenteils auf sein Konto.

Ebenfalls auf sein Konto geht eine große Anzahl von Folterungen und Morden an den Einheimischen. Dr. Peters legte sich einen privaten Harem zu und wer aufmuckte, wurde kurzerhand aufgehängt. Die Frauen wurden meistens “nur” öffentlich ausgepeitscht.

Selbst für den Zeitgeist des wilhelminischen Deutschland (das weit davon entfernt war, den afrikanischen Ureinwohnern Menschenrechte zuzusprechen) waren Dr. Peters’  Methoden zu grausam. Die Presse verpaßte ihm den Spitznamen “Hänge-Peters”, er verlor seine diversen Ämter und sein Denkmal wurde von Berlin nach Helgoland gebracht.

Das entbehrte schon damals nicht einer gewissen Ironie, denn Kaiser Wilhelm war so fest entschlossen, das – damals noch britische – Helgoland zu einem deutschen Marinehafen zu machen, daß er mit dem Sansibar-Vertrag die von Dr. Peters eroberten Kolonien den Engländern im Tausch gegen Helgoland übergab.

Was von Dr. Peters’ Denkmal nach der Zerstörung der Insel im zweiten Weltkrieg noch übrig war, ist heute relativ zwanglos im Vorgarten des Helgoland-Museums arrangiert.